FESTVERANSTALTUNG ZUM 100. GEBURTSTAG VON LOIS WEINBERGER Ein Wegbereiter und Weichensteller der Zweiten Republik

Wien (PK) - Der Dritte Präsident des Nationalrates Werner Fasslabend begrüßte heute Abend im Parlament ein zahlreiches und prominentes Publikum, darunter den ehemaligen Vizekanzler Alois
Mock und Bundesminister Ernst Strasser, zu einer
Gedankveranstaltung für Lois Weinberger, einen der Wegbereiters
der ersten Republik, der im April 1945 - gerade erst aus der Todeszelle der Nazis befreit - maßgeblich am Aufbau der Zweiten Republik mitgewirkt hat. Weinberger begründete damals innerhalb weniger Tage die christliche Gewerkschaftsbewegung neu und schuf
den Österreichischen Arbeiter- und Angestelltenbund, war an der Gründung der Österreichischen Volkspartei beteiligt und
fungieerte als erster Vizepräsident des überparteilichen Österreichischen Gewerkschaftsbundes. Weinberger war Mitglied in Karl Renners provisorischer Regierung, Nationalratsabgeordneter, Minister in der Regierung Leopold Figls, Wiener Vizebürgermeister und Gesundheitsstadtrat, dessen Leistungen weit über die Grenzen seiner Partei hinaus Anerkennung gefunden haben.

Die Vorsitzende des Lois Weinberger-Instituts, Abgeordnete
Gertrude Brinek schilderte den Lebensweg Lois Weinbergers, der
ihn vom Rand der ehemaligen Monarchie nach Wien führte, wo er
sich als gläubiger Christ und österreichischer Patriot für die christliche Arbeiterbewegung engagierte, für die Selbstverwaltung kämpfte, im Widerstand gegen den Nationalsozialismus für Österreich eintrat und es nach dem Wiedererstehen Österreichs verstanden hat, Pragmatismus und politische Leidenschaft, Standfestigkeit und Offenheit für andere miteinander zu
verbinden, um zukunftsweisende Lösungen für die Arbeitnehmer und für das ganze Land herbeizuführen.

Universitätsprofessor Ernst Bruckmüller vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien präsentierte die von Heiner Boberski verfasste Festbroschüre "100 Jahre Lois Weinberger. Christ - Patriot - Politiker", die vom
Lois Weinberger-Institut herausgegeben wird. Der Historiker skizzierte den Lebensweg Weinbergers anhand von Zitaten aus
dessen Buch "Tatsachen, Begegnungen und Gespräche. Ein Buch um Österreich" aus dem Jahr 1948 und machte vorab darauf aufmerksam, dass Weinbergers österreichischer Patriotismus keine "wohlfeile Attitüde" des Jahres 1945 war, sondern eine Überzeugung, für die er im Konzentrationslager und in der Todeszelle der Nazis eingestanden sei. Dort habe er die bangen Wochen in Zelle 275 E
des Wiener Landesgerichts gemeinsam mit Felix Hurdes zu
politischen Planungen für die Zeit nach der Befreiung genützt und dort sei er, wie Weinberger in sympathischer Offenheit schreibt, "ein gläubiger Christ geworden. Leider erst dort und noch lange kein guter".

Bruckmüller wies dann auf den aufrechten Gewerkschafter
Weinberger hin, der auch unter den Bedingungen der Diktatur der Jahre 1934 bis 1938 versuchte, Gewerkschaftsarbeit zu leisten,
wobei er auf dessen auch von sozialistischen Gewerkschaftern anerkanntes Eintreten für einen neuen Kollektivvertrag der Versicherungsangestellten nach dem Untergang der "Phönix"-Versicherung aufmerksam machte.

Ernst Bruckmüller beleuchtete die Rolle Weinbergers in der Zeit
des Widerstandes und seine Kontakte zum deutschen Widerstand,
dessen Führer ihn als Mitglied einer Regierung nach Hitler vorgesehen hatten. Dann schilderte er die ungeheure Fülle von Aufgaben, denen sich Weinberger im April 1945 bei der Gründung
von ÖAAB, ÖVP und ÖGB sowie in weiterer Folge durch seinen Eintritt in die Regierungen Renner und Figl sowie mit der
Übernahme eines Nationalratsmandates stellte. Weinberger war ein großer Patriot, ein auf Gott vertrauender Christ und ein
Politiker, der an den Interessen der kleinen Leute orientiert
war. Österreich sollte ihm ein besonderes Andenken bewahren, schloss Professor Brückmüller.

Der Obmann des Wiener ÖVP-Landtagsklubs, Matthias Tschirf, würdigte Lois Weinberger als einen Politiker, der sich intensiv
mit Fragen der Solidarität auseinandergesetzt habe und durch sein Wirken im Jahr 1945 die Grundlagen für den Wohlstand der Zweiten Republik mitgeschaffen habe. Tschirf erinnerte daran, dass die letzte Rede des großen Kommunalpolitikers im Wiener Gemeinderat kultur- und gesellschaftspolitischen Themen gegolten habe, und er zählte es zum bleibendem politischen Vermächtnis Weinbergers, an der Solidarität zwischen denen, die Arbeit haben und jenen die keine haben, zwischen Kranken und Gesunden sowie zwischen Alt und Jung festzuhalten.

Schließlich kam die Tochter Lois Weinbergers, Waltraud
Lengfelder, zu Wort, die ihren Vater in sehr persönlichen Worten als einen begeisterten Familienmenschen schilderte, der über viel Humor verfügte und große Freude an Feiern hatte. Er hätte das heutige Fest zu seinen Ehren sicher sehr genossen, merkte die Tochter Lois Weinbergers an.

LOIS WEINBERGER (1902-1961)

Lois Weinberger wurde am 22. Juni 1902 in Eisenstein (Zelezna
Ruda) im Böhmerwald als Kind einer Handwerkerfamilie geboren.
1916 kam der begabte Schüler in das Gymnasium der Salesianer nach Wien, wo er dem aus Polen stammenden Dirktor August Hlond
begegnete, dem späteren Erzbischof von Gnesen-Warschau und Kardinal-Primas von Polen. Von ihm übernahm der junge Böhmerwälder in den Jahren der Kriegs- und Nachkriegsnot den Grundsatz selbstloser Solidarität: "Alles für den anderen, fast nichts für sich selbst" und entwickelte das für ihn charakteristische Verständnis für Menschen in schwierigen
sozialen Situationen. Nach der Auflösung des Gymnasiums der Salesianer wechselte Weinberger 1920 in das Knabenseminar in Hollabrunn, wo er im Jahr 1924 maturierte.

In der Hollabrunner Zeit stieß Weinberger zur katholischen Mittelschülerbewegung, begegnete im "Christlichen Deutschen Studentenbund" erstmals Felix Hurdes und leitete die Neuland-
Gruppe Wieden und Margareten. Ab 1924 studierte Lois Weinberger Staats- und Wirtschaftswissenschaften, engagierte sich im "Jungkatholischen Hochschulring" und lernte in den zahlreichen Berufen, die er als Werkstudent ausübte, die Arbeiter und Angestellten kennen, zu deren politischem Anwalt er sich schon
bald entwickeln sollte. Als Weinberger 1929 die Stelle eines Sekretärs der Christlichen Gewerkschaften Österreichs übernahm, brach er das Studium ab. 1934 wurde er Obmann der Angestellten-Gewerkschaft in den Geld-, Kredit- und Versicherungsinstituten,
eine Tätigkeit, die er auch in den Jahren der Diktatur Dollfuss/Schuschnigg fortsetzte. Politische Unabhängigkeit bewies Weinberger, als er sich nach dem Untergang der "Phönix"-Versicherung für einen neuen Kollektivvertrag für die Versicherungsangestellten einsetzte und sich damit auch bei Mitgliedern der seit 1934 verbotenen sozialdemokratischen Gewerkschaften Anerkennung erwarb.

Mit dem Anschluss an Hitler-Deutschland verlor Weinberger alle Funktionen. Die Einheitsgewerkschaft wurde aufgelöst, ihr Präsident, Weinbergers Freund und Lehrmeister Johann Staud, starb 1939 im KZ Flossenbürg. Um seine 1929 gegründete Familie -Weinberger hatte mit seiner Frau Josefa Eder zwei Töchter und
einen Sohn -
über Wasser zu halten, handelte er 1938 zeitweise mit Wolle, dann schlug er sich als Versicherungsvertreter und schließlich als Verkaufsleiter einer Möbelfirma durch. Die christlichen Gesinnungsfreunde, oft Angehörige von Häftlingen, für die es Hilfe zu organisieren galt, traf Weinberger in der Werkstätte des Schusters und ehemaligen Gewerkschaftsfunktionärs Ferdinand Rechberger am Wiener Neubaugürtel. Dort übernahm Lois Weinberger auf Bitten Leopold Kunschaks die gefährliche Aufgabe, im
Untergrund einen Neubeginn der christlichen Gewerkschaften nach
der NS-Herrschaft vorzubereiten. In einem anderen Treffpunkt in Grinzing begegnete Weinberger dem aus Dachau zurückgekehrten
Felix Hurdes und nahm gemeinsam mit ihm Kontakt zu dem Bauernfunktionär Josef Reither auf, womit sich die bündische Struktur der späteren Volkspartei bereits in der Zeit des Widerstandes abzuzeichnen begann. Kontakte bestanden auch zu den Sozialdemokraten, etwa zu Adolf Schärf. Eine der politisch folgenreichsten Lehren aus dem Untergang der Ersten Republik
lautete für Weinberger und Kunschak, die ideologische Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung nach dem Wiedererstehen Österreichs zu überwinden. Lois Weinberger hatte auch Kontakte zu den führenden Persönlichkeiten des deutschen Widerstandes, zum ehemaligen Christgewerkschafter Jakob Kaiser, zu Wilhelm
Leuschner, dem Kopf der sozialistischen deutschen Gewerkschafter, und zum ehemalige Oberbürgermeister von Leipzig, Carl Goerdeler. Für den Fall des Gelingens des geplanten Staatsstreiches war Weinberger als Mitglied der neu zu bildenden Regierung
vorgesehen, wobei seine deutschen Gesprächspartnern zu
akzeptieren hatten, dass er als österreichischer Patriot leidenschaftlich für das Wiedererstehen Österreichs eintrat.

Längst von einem Spitzel ausgekundschaftet, wurde Lois Weinberger zwei Monate nach dem misslungenen Attentat auf Hitler vom 20.
Juli im September 1944 von der Gestapo verhaftet und war bis zur Befreiung am 6. April in mehreren Gefängnissen, im Bunker von Mauthausen und zuletzt im Todestrakt des Wiener Landesgerichtes eingekerkert, wo er auf seinen Prozess vor dem Volksgerichtshof wartete. Die Anklage lautete auf Versuche zur Wiedererrichtung Österreichs, eine Verurteilung hätte den sicheren Tod bedeutet. Weinbergers Leidensgefährten waren Felix Hurdes, Otto Troidl,
Hans Pernter, der ehemalige Generalmajor Kottik, der in der Haft starb, und Leopold Figl.

Nach der Befreiung Wiens durch die Rote Armee öffneten sich am 6. April die Gefängnistore für die politischen Gefangenen und Lois Weinberger, der abgemagerte Ex-Häftling, den seine Familie zuerst kaum wiedererkannte, war bei der Gründung wichtiger Institutionen an vorderster Front tätig. Im alten Haus der christlichen Gewerkschafter in der Laudongasse übernahm Lois Weinberger am 14. April 1945 die Funktion des ersten Bundesobmannes des Österreichischen Arbeiter- und Angestelltenbundes, eine Funktion, die er bis 1960 ausübte. Auf die Gründung des ÖAAB folgte am 17. April 1945 die Gründung der Österreichischen Volkspartei im
Wiener Schottenstift. Leopold Kunschak wurde Präsident, Hans Pernter provisorischer Bundesparteiobmann der Partei, Weinberger hatte den neuen Parteinamen vorgeschlagen und wurde Stellvertretender Bundesparteiobmann (bis 1960). Das Amt des Generalsekretärs übernahm Felix Hurdes.

Und schließlich war Lous Weinberger auch an der Gründung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) am 27. April 1945 beteiligt, dessen erster Vizepräsident er unter dem sozialdemokratischen Präsidenten Johann Böhm wurde. Am selben Tag wurde auch die Zweite Republik gegründet und Lois Weinberger trat als Unterstaatssekretär für soziale Verwaltung in die von Karl Renner gebildete provisorische Regierung ein, wo er für Arbeitsrecht und Arbeitsschutz zuständig war. Auf seine
Initiative geht unter anderem das Feiertagsruhegesetz zurück. Bei der Nationalratswahl im November erhielt Weinberger ein Mandat
und trat als Minister ohne Portefeuille in die Regierung Figl
ein, ein Amt, das er im Jänner 1947 zurücklegte, nachdem er Vizebürgermeister von Wien und amtsführender Stadtrat für das Gesundheitswesen geworden war.

Als Kommunalpolitiker war Weinberger ein eifriger Verfechter der U-Bahn, trat für die Erweiterung des Wilhelminenspitals ein,
schuf die Gesundenuntersuchungsstellen, setzte die Impfung gegen Kinderlähmung durch und leistete wichtige Vorarbeiten für den Neubau des Allgemeinen Krankenhauses in Wien.

Im Jahr 1959 zwang eine Krankheit Lois Weinberger, sich aus den meisten seiner Funktionen in Partei und Gemeinde Wien zurückzuziehen. Er starb am 17. März 1961 nach einem Knochenbruch an einer Embolie im Wiener Franz-Josefs-Spital.

In ihren Nachrufen hoben politische Weggefährten wie Gegner den festen Charakter und den Patriotismus Lois Weinbergers hervor.
Sie schätzten und fürchteten ihn als einen wirkungsvollen Redner, der sich auch in zahlreichen Zeitungsartikeln einer klaren
Sprache bediente und stets um Klärung der Standpunkte bemüht war. Weinberger beherrschte aber auch den versöhnlichen Ton und konnte in Verhandlungen Kompromisse erzielen. Vor allem aber galt Lois Weinberger als ein Politiker, dem die Anliegen einfacher Menschen wichtig waren, für die er sich ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit einsetzte. (Schluss)

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