"Presse"-Kommentar: Gesucht: Salomon für Nahost (von Thomas Vieregge)

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"Presse"-Kommentar: Gesucht: Salomon für Nahost (von Thomas Vieregge)

Ausgabe vom 19. Juni 2002

Wien (OTS). Wieder einmal wird die Politik von der Dynamik der Ereignisse im
Nahen Osten überrumpelt. Der verheerende Anschlag auf den Bus in Jerusalem hätte zu keinem schlechteren Zeitpunkt fallen können -kurz bevor US-Präsident George W. Bush seine "Vision" für die Krisenregion präsentieren soll: ein - mit großen Erwartungen befrachteter - politischer Befreiungsschlag aus dem ewigen Patt, ein Ausweg aus dem Kreislauf der Ohnmacht. Noch aber liegen dem Vernehmen nach in Washington die Meinungen im Widerstreit.
Und gerade jetzt, da sich ein Spalt der Hoffnung auftun könnte, jagt
sich erneut ein Selbstmordattentäter in die Luft - und gibt jenen Kräften in Israel Auftrieb, die eine politische Lösung kategorisch ablehnen, die nicht bereit und nicht willens sind, den Palästinensern Konzessionen zuzugestehen. "Welcher Palästinenserstaat?", fragte Premier Ariel Scharon publicityträchtig am Tatort.
Die Errichtung eines Grenzzauns - so berechtigt der Bau
angesichts
der Unzahl an Kamikaze-Tätern auch sein mag - wirft selbst für viele Israelis eine verstörende Symbolik auf. Assoziationen zu Südafrikas Apartheidstaat der 80er Jahre steigen auf. Für die Palästinenser wäre ein solcher Wall ohnehin verheerend: wirtschaftlich von der Nabelschnur Israel abgeschnitten, politisch isoliert, bar jeder Perspektive. Nirgends lassen sich die Auswirkungen besser beobachten als in Gaza: ein Gefängnis auf 360 Quadratkilometern - mit Meeresblick. Und nirgendwo sonst ist der Nährboden für den Terror so fruchtbar wie in den beengten Flüchtlingscamps der Palästinenser. Was die Palästinenser brauchen wie einen Bissen Brot, ist ein Zipfelchen einer politischen Perspektive, wie sie die USA in Aussicht gestellt haben: die Proklamation eines Palästinenserstaates, und sei es auch nur in einer Rumpfform. Das müßte den Weg zurück zum Verhandlungstisch eröffnen.
Doch nur ein starker US-Präsident, überzeugt von seiner Nahost-Mission, kann dies bewerkstelligen. Ob aber George W. Bush der langgesuchte Salomon ist, scheint zumindest zweifelhaft. Wie ließ er doch zuletzt Fragestellern im Weißen Haus ausrichten: "Sobald ich eine Vision habe, teile ich sie mit."

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