Fthenakis: Die Macht mit dem Kind teilen / Reader's Digest-Schwerpunkt "Das Leben nach Erfurt" mit Beiträgen von Friedrich Schorlemmer und Wassilios Fthenakis

Stuttgart (OTS) - Als Lehre aus dem Amoklauf von Erfurt fordern Experten, dass Eltern bewusst nach Lösungen für die alltäglichen Konflikte ihrer Kinder suchen. "In der Familie muss ein Klima der gewaltfreien Erziehung gepflegt werden", sagt der Münchner Verhaltensforscher und Erziehungsexperte Wassilios E. Fthenakis in einem Beitrag für das Magazin Reader's Digest (Juli-Ausgabe). Nur wenn es gelinge, eine "Kultur des konstruktiven Streitens" aufzubauen, könnten Jugendliche frühzeitig lernen, wie sie mit Problemen umzugehen haben.

Fthenakis, der Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München ist, sieht nicht nur die Bluttat von Erfurt, sondern auch die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington als Beweise dafür, "dass Gewalt in unserem Leben nicht nur zu einem ernsten, sondern zu einem höchst bedrohlichen Problem geworden ist". Eine Verschärfung der Gesetze, wie von der Politik beabsichtigt, werde jedoch allein nicht weiterhelfen. Fthenakis verweist vielmehr auf die Bedeutung des Erziehungsklimas im Elternhaus, wenn es um den weiteren Werdegang der Kinder geht. Wenn Gewalt zu Hause schon zum Alltag gehöre, sei dies dann auch mitverantwortlich für die "physische Gewalt der Schüler". Wichtiger sei deshalb, ein "Erziehungsklima aufzubauen, dass das Selbstwertgefühl des Kindes stärkt und ihm hilft, Konflikte friedlich zu lösen".

Fthenakis führt in Reader's Digest einige Leitlinien für die Erziehung an: So müssten die Eltern dem Kind genügend Spielräume für eigene Entscheidungen geben und bei einem Konflikt dem Jungen oder Mädchen helfen, eine konstruktive Lösung zu entwickeln. Wichtig sei auch, dass das Kind Verantwortung übernehmen dürfe. Nur so lerne es, über die Folgen der eigenen Handlungen nachzudenken. Der Experte fordert: "Teilen Sie die Macht mit dem Kind."

In diesem Zusammenhang appelliert Fthenakis, der zugleich als Professor für angewandte Entwicklungspsychologie und Familienforschung an der Universität Augsburg lehrt, an die Väter und Mütter, "aktiver Zuhörer für kindliche Bedürfnisse und Nöte zu sein". Es sei bedenklich, wenn mehr als ein Drittel der Kinder im Alter zwischen neun und 14 Jahren bei einer Umfrage angegeben hätte, bei Problemen keinen Gesprächspartner zu haben. Obendrein sei es von großer Bedeutung, dass Kinder eine Beziehung zu Gleichaltrigen aufbauen und pflegen. "Freundschaften sind Lernorte", so Fthenakis über die Möglichkeit, auf diesem Weg "kontroverse Standpunkte auszutragen, Kompromisse einzugehen und entstehende Zwistigkeiten zu einem guten Ende zu bringen."

Schorlemmer: Wer sich geächtet fühlt, wird zur Gefahr

Der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer fordert als Konsequenz aus den Ereignissen von Erfurt zu einem intensiveren Dialog unter den Menschen auf. "Wer keinen mehr hat, mit dem er sprechen kann und der zu ihm spricht, ihn ernst nimmt, bestätigt oder korrigiert, mit ihm streitet und ihn streichelt, der versteht sich bald selbst nicht mehr, versteht sich nicht mehr aufs Leben", so Schorlemmer in einem Beitrag für Reader's Digest. In einer Gesellschaft voller "Ichlinge" werde es umso dringlicher, "einander mehr zu achten, indem wir auch mehr aufeinander achten".

Schorlemmer, der in der DDR Mitbegründer der Bewegung Demokratischer Aufbruch war und sich nach der Wende für eine Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit eingesetzt hatte, erhielt 1993 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In seinem Buch "Eisige Zeiten" plädiert er für eine menschliche Gesellschaft.

In Reader's Digest schreibt er: "Wenn jeder Mensch sich nur noch um sich selbst kümmert, jeder nur noch sich selbst und seinen Weg sieht, vereinsamen wir. Wir sehnen uns danach, dass andere uns beachten." Schorlemmer fordert daher gleichermaßen Achtung und Beachtung gegenüber dem Mitmenschen, aber auch Achtsamkeit, damit sich Ereignisse wie in Erfurt nicht wiederholen: "Wo ein anderer fühlt, dass er nicht geachtet, sondern geächtet wird, ist er gefährdet und wird zur Gefahr."

Für nähere Informationen zu diesem Reader's Digest-Thema stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Die Juli-Ausgabe von Reader's Digest ist ab 24. Juni 2002 an zentralen Kiosken erhältlich.

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ots Originaltext: Reader's Digest Deutschland

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