DER DRESDNER SACHSENSPIEGEL - SPIEGELBILD MITTELALTERLICHER KULTUR Präsentation der Faksimile-Ausgabe im Parlament

Wien (PK) - Eine "außergewöhnliche" Buchpräsentation, wie Nationalratspräsident Heinz Fischer in seiner Begrüßung feststellte, fand gestern im Hohen Haus statt. Vorgestellt wurde
die Faksimile-Ausgabe des "Dresdner Sachsenspiegels". Dieser gilt als künstlerisch wertvollste, mit Gold und Silber reich ausgestattete Bilderhandschrift des Sachsenspiegels, des bedeutendsten deutschen Rechtsbuches des Mittelalters.

Fischer lobte die gelungene Faksimilierung als, drucktechnisch
und bibliophil gesehen, besonders schöne Publikation. Das
Parlament sei für diese Veranstaltung deshalb ein geeigneter Ort, da der Sachsenspiegel die Entwicklung des Rechts und der Rechtsordnung dokumentiere. Freilich sei man nun längst von der Rechtskodifizierung zur Rechtsschöpfung durch die Parlamente fortgeschritten, sagte Fischer.

DER SPEGEL DER SASSEN - DAS BEDEUTENDSTE DEUTSCHE RECHTSBUCH UND ERSTE PROSAWERK IN DEUTSCHER SPRACHE

Der "Spegel der Sassen" des Eike von Repgow entstand zwischen
1220 und 1235 und schildert in phantastischer Vielfalt das
mündlich tradierte Gewohnheitsrecht des deutschen Mittelalters. Seine Wirklichkeitsnähe verhalf der Rechtssammlung zu rascher und weiter Verbreitung sowie zu hoher Akzeptanz bei den Gerichten und den Menschen. Sie wurde bald zur Grundlage weiterer Rechtsbücher und Rechtsaufzeichnungen und hat somit die europäische
Rechtskultur wesentlich beeinflusst und mitgestaltet. Erst am
Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieses Rechtsbuch in Deutschland durch Landgesetze und schließlich durch das Bürgerliche
Gesetzbuch abgelöst. Noch 1932 wurde aus ihm vom Reichsgericht Leipzig zitiert.

Der Sachsenspiegel gilt auch als erstes Prosawerk in deutscher Sprache. Er gehört zur Quellengattung der Rechtsbücher, die das Recht eines bestimmten Herrschaftsbereichs erfassen. Bei diesen Rechtsbüchern handelt es sich um Privatarbeiten, die nicht nur bloße Abbilder des Gewohnheitsrechts darstellten, sondern auch unverkennbare Systematisierungsbestrebungen und persönliche Sichtweisen ihrer Verfasser enthalten. Geltungskraft erlangten
sie aufgrund des ihnen zugrunde liegenden Gewohnheitsrecht sowie
im Wege der praktischen Anwendung durch Gerichte, Amtsträger und andere Rechtsanwender.

DIE KULTURGESCHICHTLICHE BEDEUTUNG DES DRESDNER SACHSENSPIEGELS

Heiner Lück, Ordinarius an der Juristischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, würdigte die besondere Bedeutung der Dresdner Handschrift unter den über 400 erhaltenen Abschriften und den vier illustrierten Prachthandschriften des Sachsenspiegels als aussagekräftigste. Der Dresdner
Sachsenspiegel sei als Repräsentationsgegenstand wahrscheinlich
um 1350 für Markgraf Friedrich den Strengen von Meissen
angefertigt worden, worauf die besonders reiche und wertvolle Ausstattung hinweise.

Durch die bildliche Darstellung von nicht weniger als 4000
Personen der verschiedenen Bevölkerungsschichten, von ihrer Bekleidung, ihrem Schmuck, ihren Wappen und ihren Häusern, von Werkzeugen und Haushaltsgegenständen, von Tieren und Pflanzen stellt der Dresdner Sachsenspiegel auch ein herausragendes Spiegelbild mittelalterlicher Kulturgeschichte dar.

DIE FAKSIMILIERUNG VON HANDSCHRIFTEN - EINE WICHTIGE ARBEIT FÜR
DIE WISSENSCHAFTLICHE ERSCHLIESSUNG

Die Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz/ Austria hat alle
92 Blätter mit 924 Bildstreifen der wahrscheinlich zwischen 1347 und 1363 verfassten Dresdner Bilderhandschrift in aufwändiger und präziser Arbeit originalgetreu faksimiliert. Ergänzt wird die Ausgabe durch zwei Kommentar- und Textbände, die eine genaue Beschreibung der Handschrift und aller Bilder sowie eine exakte Edition des mittelniederdeutschen Textes und eine neuhochdeutsche Übersetzung umfassen. Zahlreiche Aufsätze werden sich unter anderem mit der Wirkungsgeschichte befassen und eine umfassende Bibliographie zur Verfügung stellen. Erarbeitet wurden diese von einem internationalen Spezialistenteam unter der Leitung von
Heiner Lück.

Ursula Struzl von der Akademischen Druck- und Verlagsanstalt Graz unterstrich die Wichtigkeit, Handschriften durch Faksimilierung
für die Wissenschaft und Forschung sowie für jeden kulturell interessierten Menschen zu erschließen. Der Forschung werde mit
der Vorlage des Dresdner Sachsenspiegels eine Möglichkeit mehr gegeben, Leben und Wirken der Menschen im Mittelalter zu deuten.
Die Originalquelle könne dadurch geschont werden. Der Dresdner Sachsensiegel befindet sich heute nach äußerst komplizierten Restaurierungsarbeiten, die nach den schweren Beschädigungen
durch Schlammwasser im Jahr 1945 notwendig geworden waren, wieder
in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden.

EIKE VON REPGOW UND SEIN "SPEGEL DER SASSEN" - VORBILD HEUTIGER NACHBARSCHAFTLICHER REGELUNGEN UND STRASSENVERKEHRSORDNUNGEN

Der Autor des Sachsenspiegels, Eike von Repgow, wurde um 1180 in Reppichau bei Köthen im heutigen Sachsen Anhalt geboren. Er war Gerichtszeuge und Berater mehrerer Fürsten. Seiner
Zusammenstellung des damals durch Gerichtsgebrauch überlieferten Gewohnheitsrechts lag die Intention zugrunde, angesichts der
Wirren seiner Zeit - Machtkämpfe zwischen Welfen und Staufern, zwischen Kaiser und Papst - und vor dem Hintergrund der deutschen Kolonisation in den Gebieten östlich von Elbe und Saale zum Rechtsfrieden beizutragen.

Mit der Bezeichnung "Spiegel" knüpft Eike von Repgow an die Tradition lateinischer Lehrbücher an: Wie man in einem Spiegel
sein Antlitz beschauen könne, so sollten die Sachsen in einem Spiegel Recht und Unrecht erkennen.

Der Sachsenspiegel ist in zwei Teile gegliedert, in das
Lehensrecht und in das Landrecht. In einem Prolog beschreibt Eike das enge Verhältnis des Rechts zu Gott und fordert alle Menschen zur Einhaltung der Gesetze auf. Diese enge Verknüpfung zwischen himmlischer und weltlicher Ordnung ist in der westlichen Welt überwunden, andere Passagen können jedoch durchaus als eine Grundlage für gegenwärtiger Rechtsvorschriften angesehen werden. So sind hier insbesondere dorf- und nachbarrechtliche Regelungen
zu nennen, die einen großen Teil des Landrechts ausmachen.

Rechtsprinzipien des Sachsenspiegels finden sich heute beispielsweise im Nachbarschaftsrecht, wo es um Früchte geht, die über das eigene Grundstück hinauswachsen. Er ist auch als ein bescheidener Anfang einer Straßenverkehrsordnung anzusehen, vergegenwärtigt man sich die Beschreibung der Vorfahrtsregeln
beim Zusammentreffen zweier Fuhrwerke in den engen Gassen. Auch über die Mindestmitgliederzahl bei Vereinsgründungen hat man sich damals Gedanken gemacht. Darüber hinaus gibt es Vorschriften über den notwendigen Abstand von Backöfen als Gefahrenherd - also wichtige Brandschutzregeln - oder Vorschriften über den Abstand
von Aborten und Schweinekoben als Geruchsquelle. Damit ist auch
ein gewisses Umweltbewusstsein in der damaligen Zeit
dokumentiert.

Das Landrecht umfasst auch das Staatsrecht, das Gerichtsverfassungsrecht, das Verfahrensrecht, das Strafrecht und das Familien- und Erbrecht. Die lehensrechtlichen Bestimmungen beziehen sich auf die Normen, die für die Rechtsbeziehungen von Lehensherrn und Vasallen von Bedeutung sind. (Schluss)

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