"First Love" und "Das Erste Mal" - Sexualität und Kontrazeption aus der Sicht der Jugendlichen

Wien (OTS) - Die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung lädt zur Pressekonferenz anlässlich der Präsentation ihrer Studie zur Jugendsexualität "Das Erste Mal" ein und gibt gleichzeitig die Eröffnung einer neuen First Love Beratungsstelle im SMZ-Ost Donauspital bekannt.

20.6.2002, 10.00 Uhr
Café Landmann

Teilnehmer:
Prim. Univ.Prof. Dr. Peter Wagenbichler
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung Ärztlicher Leiter der Ignaz Semmelweis-Frauenklinik

DSA Bettina Weidinger
Sozialarbeiterin und Sexualberaterin in den ÖGF- Jugendberatungsstellen, Autorin der Studie "Das Erste Mal"

Prim.Univ.Prof. Dr. Karl Philipp
Leiter der geburtshilflichen--gynäkologischen Abteilung des Donauspitals im SMZ-Ost

Die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF), Trägerin von geförderten Familienberatungsstellen in Wien und Niederösterreich, präsentiert die Ergebnisse ihrer Studie zur Jugendsexualität. Die Studie "Das Erste Mal" von Weidinger, Kostenwein und Drunecky, basiert auf einer Fragebogenerhebung mit 1.044 Jugendlichen. Die Befragung wurde zum Teil an Schulen und zum Teil im Internet durchgeführt. Diese Erhebung wurde Dank der Unterstützung der MA 57 Frauenbüro der Stadt Wien ermöglicht.

"Eltern sind nach wie vor Ansprechpartner in Fragen der Sexualerziehung, aber Jugendliche suchen vermehrt Informationen außerhalb der Familie" meint Prof. Peter Wagenbichler, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung und ärztlicher Leiter der Ignaz Semmelweis-Frauenklinik. Erfreulich ist, dass fast allen Jugendlichen das Kondom und die Pille bekannt waren, der Wissensstand hinsichtlich der sogenannten "Pille danach" jedoch leider sehr gering ist. Die ÖGF kommt dem Informationsbedarf Jugendlicher im Bereich der Sexualerziehung mit ihren niederschwelligen Angeboten wie der Telefonberatung "Herzklopfen" und ihrer Email-Beratung in einem on-line Jugendmagazin entgegen. Die ÖGF ist Dank der Förderung ihrer Beratungsstellen durch das BMSG und die MA 57 Frauenbüro der Stadt Wien in der Lage diese Anliegen umzusetzen. "Leicht zugängliche Angebote, die größtmögliche Anonymität in den für Jugendliche heiklen Bereichen Liebe und Sex gewährleisten und die kostenlos sind, sind somit die ersten Anlaufstellen und unbedingt notwendig" fordert Prof. Wagenbichler. Mit den sexualpädagogischen Angeboten (Besuch von Schulklassen in allen ÖGF-Beratungsstellen und Einladung von Teams in Schulen) unterstützt die ÖGF den schulischen Auftrag zur Sexualaufklärung. Für hilfesuchende Jugendliche, die eine persönliche Beratung im Bereich der Empfängnisverhütung und allen anderen Aspekten der reproduktiven und sexuellen Gesundheit wünschen, haben sich die First Love Beratungsstellen als probates Mittel der Unterstützung erwiesen, so Prof. Wagenbichler.

Ergebnisse der Studie

"84% der Jugendlichen artikulieren das Bedürfnis nach mehr Information" konstatiert Bettina Weidinger, Autorin der Studie "Das erste Mal". Geht man davon aus, dass Jugendliche zumindest einen Teil ihrer Informationen über Sexualität bereits durch Eltern und Schule erhalten haben, muss man leider feststellen, dass Wissensvermittlung im Bereich der Sexualität die Lebenswelt der Jugendlichen oft verfehlt. "Jugendliche schöpfen ihr Wissen oft aus Quellen, die Stereotype vermitteln und Bilder entstehen lassen, die fern der Realität liegen" erklärt Bettina Weidinger. Innerhalb der Sexualaufklärung und Sexualpädagogik muss daher in erster Linie der Lebenskontext Jugendlicher ernst genommen werden. Nur auf dieser Basis können handlungsrelevante Informationen vermittelt und neue Perspektiven eröffnet werden. Durch die Beratungsstellen der ÖGF kann genau dieser Beratungskontext aufgegriffen und damit die Ebene erreicht werden, die das Verhalten Jugendlicher bestimmt.

Mehr Beratungangebote für Jugendliche

"Wie wir der Studie entnehmen können, wird die Aussage, dass Verhütung Frauensache ist, sowohl von Burschen wie Mädchen mehrheitlich abgelehnt. Für 3/4 aller Jugendlichen ist das Kondom die Methode schlechthin beim "Ersten Mal" aber 10 % haben nicht verhütet", stellt Prof. Karl Philipp, Primarius der geburtshilflichen-gynäkologischen Abteilung des Donauspitals im SMZ-Ost fest. Da der 22. Wiener Gemeindebezirk, in dem es einen großen Anteil junger Menschen gibt (über 13.000 im Alter zwischen 10 und 19 Jahren), ungenügend mit Beratungseinrichtungen für diese Gruppe versorgt ist, ist es zu begrüßen, dass die ÖGF mit Unterstützung des Krankenanstaltenverbundes und der gynäkologischen Abteilung eine neue First Love Beratungsstelle im Donauspital installiert hat. Damit wird den Jugendlichen der weite Weg über die Donau in die Krankenanstalt Rudolfstiftung erspart, wo die erste ÖGF First Love Beratungsstelle seit 10 Jahren lokalisiert ist. "Die neue Beratungsstelle in meiner Abteilung mit dem Angebot einer einfühlsamen gynäkologischen Erstuntersuchung stellt das partnerschaftliche Verhalten in Sachen Kontrazeption und HIV-Prävention ins Zentrum ihrer Tätigkeit. Deshalb gibt es in der neuen First Love Beratungsstelle im Donauspital darüber hinaus ein explizites Angebot für Burschen - erstmals in Österreich -, das Beratung durch einen Urologen und einen Gesundheitspsychologen inkludiert" definiert Prof. Philipp das Tätigkeitsfeld der neuen Stelle. Ab Herbst wird die Beratungsstelle auch für den Besuch von Schulklassen offen sein und das Team wird damit seinen Beitrag im Bereich der noch immer verbesserungsfähigen Sexualerziehung leisten. Ein Angebot, dass den 54 Schulen des 22. Wiener Gemeindebezirkes zu Gute kommen und angenommen werden wird hofft abschließend Prof. Philipp.

ÖGF-Jugendberatungsangebote

First Love Beratungsstellen

Im Donauspital im SMZ-Ost
Langobardenstrasse 122, 1220 Wien, Tel.: 288020
Für Mädchen: Fr 16.00-19.00 Uhr (gyn. Ambulanz)
Für Burschen: jeden 1. Freitag 14.00-17.00 Uhr (urolog. Ambulanz)

In der Krankenanstalt Rudolfstiftung - Schwangerenambulanz Juchgasse 25, 1030 Wien, Tel: 71165/4712
Mo und Mi 14.00-16.00 Uhr

First Love mobil: Jugenzentrum Ottakring
1160 Wien, Ottakringer Straße 200
jeden 2. Mittwoch 16.30-18.30 Uhr
Tel: 486 5398

Telefonberatung

Herzklopfen
Tel: 0800 206060
Sa 14.00-18.00 Uhr

Email Beratung

Fem-Wien
s.aberer@chello.at

Herzklopfen beim rbx
http://www.rbx/beratung.at

Besuch von Schulklassen in den ÖGF-Beratungsstellen
(Anmeldung erforderlich unter 4785242))

First Love im Donauspital im SMZ-Ost
Familienplanung im Gesundheitszentrum Wien-Mitte
Familienplanung im Hanusch-Krankenhaus
Familienplanung in der Ignaz Semmelweis-Frauenklinik Familienplanung im Kaiser Franz Josef Spital
Familienplanung an der Univ-Frauenklinik im AKH

Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie "Das Erste Mal"

In der neuesten Studie "Das erste Mal" (Weidinger, Kostenwein, Drunecky) bringt die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung Licht in ein Thema, das Focus vieler Klischees ist. Jugendliche Sexualität ist nicht nur in pädagogischen Kreisen, sondern auch für Eltern und andere, die mit Jugendlichen leben und arbeiten, ein Reizthema. Leicht zugängliche Pornos in Zeitschriften, Fernsehen und Internet machen Sex zum Thema Nummer eins - nicht nur für die Jugendlichen selbst, sondern auch für diejenigen Erwachsenen, die mit ihnen konfrontiert und oft mit den daraus erwachsenden Fragen auch überfordert sind.

Die Studie zeigt auf, dass

  • praktisch alle Jugendlichen Kondom und Pille als geeignete Verhütungsmittel kennen, aber nur 6% der Mädchen und 4% der Burschen über die "Pille danach" informiert sind,
  • sich 94% aller 14-Jährigen in sexuellen Dingen ganz oder ziemlich aufgeklärt halten,
  • aber vier von fünf Jugendlichen nicht wissen, wann eine Frau am leichtesten schwanger werden kann,
  • mit 14 Jahren bereits etwa die Hälfte aller Jugendlichen Erfahrung mit Petting gemacht hat
  • als wichtigste Person für die Aufklärung weder Eltern noch Lehrer, sondern der Freundeskreis genannt wird,
  • 41% aller befragten männlichen Jugendlichen Pornos als geeignete Informationsquelle für ihre Aufklärung erachten

Mit diesen Ergebnissen kann der Eindruck entstehen, dass Jugendliche großzügiger und offener in ihrer Sexualität als noch vor zehn Jahren sind, sich trotz mangelndem Wissen leichter auf intime Beziehungen einlassen und vor allem immer früher bereit sind "es" zu tun.

Diesem oft von Erwachsenen antizipierten Bild der Sexualität Jugendlicher widersprechen aber bei genauerer Betrachtung die Fakten der Studie.

  • Mit dem 16. Geburtstag hat gerade einmal die Hälfte aller Jugendlichen Koituserfahrung, was gleichzeitig bedeuten muss, dass die andere Hälfte aller Jugendlichen ihr "erstes Mal" in diesem Alter noch vor sich haben.
  • Jugendliche stufen Treue als "total wichtig" innerhalb einer Beziehung ein. Diese Einstellung wird mit der durchwegs hohen Zustimmung zur Aussage "wenn ich betrogen würde, würde ich mich sofort trennen" nochmals untermauert und macht augenscheinlich, wie hoch der moralische Anspruch an eine Beziehung ist.

Es wäre also völlig verfehlt, Jugendliche als promiskuitiv, wertelos und beziehungsunwillig einzustufen.

Der klare Vorsprung medialer Aufklärungsquellen (Zeitschriften, Fernsehen, Pornos) und Gespräche innerhalb der peer group sollte jene Personengruppen, die für die Sexualerziehung zuständig sind, alarmieren. Die Darstellung von Sexualität in Medien und durch Pornographie liefert ein völlig verzerrtes Bild, die gesamte Bandbreite der Gefühlswelt wird ausblendet und geht völlig am real Erlebten vorbei. Jugendliche, die noch gar keine oder sehr wenig Erfahrung in Liebesangelegenheiten haben, werden dadurch verunsichert und verängstigt. Der Versuch, sich die notwendigen Informationen aus der peer group - von Freunden - zu holen, funktioniert bei den medial transportierten Idealvorstellungen vom erfüllten Sexualleben nur schlecht. Das aus den Medien entnommene Bild der erwachsenen, gefühllosen Sexualität, bei der eine schnelle Abfolge stereotypisierter Sexualpraktiken im Vordergrund steht und wo z.B. Pizzaboten auf unbefriedigte Hausfrauen treffen, ist oft genug Grundlage dessen, was vor der peer-group als eigener Erfahrungsschatz präsentiert wird. Schließlich geht es darum, dazuzugehören. Und diese Tendenz ist bei Jugendlichen in den letzten Jahren anhaltend.

Geändert haben sich allerdings tatsächlich manche Themen. Erklärbar vielleicht durch die wirklichkeitsgenerierende Wirkung von Pornos gibt es heute vermehrt Fragen zu Oralverkehr und Analverkehr. Sexualität wird oftmals unter einem technisch-manipulativ orientiertem Blickpunkt aus gesehen. Fragen nach erogenen Zonen, Lustpunkten und Stellungen beim Sex scheinen diese Sichtweise zu betonen. Wie uns aus der Beratungssituation bekannt ist wollen insbesondere männliche Jugendliche oft eine "Gebrauchsanleitung" für den Sex, um Unsicherheiten auf der emotionalen Ebene ausgleichen zu können.

Jugendliche befinden sich damit in folgendem Dilemma: Einerseits wird ihnen durch eine mediale Sexwelt vorgeschrieben, in welcher Intensität (z.B. Orgasmus), Dauer und Praktik Sex ablaufen soll, andererseits werden sie mit den für ihre Lebenswelt wichtigen Fragen im Stich gelassen.

Um Jugendlichen Hilfestellung zu geben, müssen Sexualpädagogik und Sexualerziehung daher dort ansetzen, wo für Jugendliche Bedürfnisse nach Information und Beratung bestehen. Sie müssen aktiv stattfinden, keine abwartende Position beziehen, empathisch und engagiert sein und keine ideologisch gefärbten Informationen transportieren. Sie müssen größtmögliche Anonymität bieten und zudem ein für Jugendliche attraktives Angebot darstellen.

Die breit gefächerte Angebotspalette der ÖGF versucht diesen differenzierten Bedürfnissen von Jugendlichen gerecht zu werden. Internetberatung und vertrauliche Telefonberatung bieten eine schnelle und sehr anonyme Beratungsmöglichkeit. Durch Schulangebote werden Jugendliche direkt angesprochen und erfahren eine wichtige Ergänzung zur schulischen Sexualaufklärung. Dort, wo persönliche Beratung erwünscht oder notwendig ist, bietet First Love eine unkomplizierte, kostenlose und anonyme Beratung mit der zusätzlichen Möglichkeit einer gynäkologischen oder urologischen Untersuchung. Damit ist eine kontinuierliche Betreuung ratsuchender Jugendlicher gewährleistet.

Die vorliegende Fragebogenerhebung kann mit 1.044 befragten Jugendlichen und dem Einsatz eines umfangreichen Fragebogens detaillierte Aussagen zum Sexual- und Kontrazeptions-verhalten sowie zu sexuellen Normen von Jugendlichen machen. Die Stichprobe setzt sich zu einem Teil (etwa der Hälfte) aus Fragebogenbeantwortungen im Internet, zu einem anderen Teil durch gezielte Vorgaben in unterschiedlichen Schulen zusammen. Es wurde versucht, mittels einer sorgfältig zusammengestellten Personenstichprobe hinsichtlich für diesen Kontext wesentlicher Kennzeichen wie Alter, Bildungsstand und kulturellem Hintergrund eine Verteilung zu erreichen, die der Grundgesamtheit einigermaßen entspricht. Die unterschiedliche Stichprobengröße in Bezug auf das Geschlecht machte es aber nötig, die Ergebnisse für Burschen und Mädchen jeweils getrennt darzustellen. Die Erhebung ist als Pilotstudie gedacht, um die Einstellung und das Verhalten Jugendlicher zu den Themen Sexualität und Kontrazeption beschreiben zu können und damit eine Grundlage für sexualpädagogische Arbeit zu erhalten.

Rückfragen & Kontakt:

Mag. Elisabeth Pracht
Tel.: 01 4785242
e.pracht@oegf.at

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