"Kleine Zeitung" Kommentar: "Vogelfrei" (von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 14.06.2002

Graz (OTS) - Es wäre für den Verlag mehr als verkaufsfördernd gewesen: das Ehepaar Klestil als Zeugen vor Gericht. Ein Bundespräsident, der Rede und Antwort stehen muss, ob er seine Frau zur Abtreibung genötigt hat. Oder als weiterer Zeuge Bischof Krenn. Für Fragen der Moral.

Mit dem sofortigen Urteil und der Ablehnung des Wahrheitsbeweises hat die Richterin gestern jedem weiteren Voyeurismus in der Causa "Unsere Klestils" abgedreht. Und gleichzeitig mit der hohen Strafbemessung von 20.000 Euro klar zum Ausdruck gebracht: dass auch ein Politiker, wie sie sagte, nicht vogelfrei sei. Vogelfrei für eine Geschäftemacherei mit Schlüsselloch-Voyeurismus.

Zweifelsohne hat der Präsident die Scheinwerfer oft selbst auf sein Privatleben gelenkt. Thomas Klestil dürfte bis heute die Gefährlichkeit der Verliebtheit in sich selbst nicht erkannt haben. Die Menschen verachtende Verletzung seines Persönlichkeitsrechts hat damit aber nichts mehr zu tun.

Frei wie ein Vogel wird sich der Präsident aber auch nach diesem Spruch wohl nicht fühlen. Die Beschädigung bleibt - wie auch die Beschädigung geblieben ist, für die er durch seine Lebensführung und seine Outings selbst verantwortlich zeichnete.****

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