Oberösterreichische Nachrichten Kommentar 14. Juni 2002 "Heuchelei und Blindheit" von Karl Danninger

Selbstverständlich ist es ein Skandal, wenn Menschen, die nur der positiven Bilanz eines Betriebes im Wege stehen, aber voll arbeitsfähig sind, in den vorzeitigen Ruhestand geschickt werden. Selbstverständlich steigert es den Skandal, wenn diese betriebsbwirtschaftlich bedingten Frühpensionierungen mit Hilfe von Gefälligkeitsgutachten willfähriger Vertrauensärzte zu Stande kommen. Und es perfektioniert den Skandal, wenn das alles in ehemals staatlichen, heute staatsnahen Betrieben stattfindet.
lSkandal!c schreien auch die beiden Regierungsparteien, und ein Teil der Medien stimmt mit ein in das Geschrei, dabei ignorierend, wieviel an Heuchelei hinter dem Geschrei sich verbirgt; weiters auch ignorierend, dass anstatt des Geschreis und der mediengerechten Darstellung ein gerüttelt Maß an Bringschuld gerade bei der Politik festzustellen ist.
Wie bereits gesagt: Es ist einem Manager nicht zu verdenken, wenn er seine Bilanzen in Ordnung zu halten versucht, indem er überflüssig erscheinendes Personal abbaut. Anders macht es ja auch die Bundesregierung nicht. Verteidigungsminister Herbert Scheibner hat erst gestern wieder im Nationalrat die pChance 55f d das Angebot zur Frühpension in seinem Ressort X wortreich verteidigt. Es sei sinnvoller, so der Minister, wenn jemand in Frühpension gehe, als dass Leute, für die es eigentlich keine Verwendung gebe, zu 100 Prozent der Bezüge beschäftigt würden.
Tatsächlich?
Der Unterschied zum Anlass der koalitionären Erregung besteht dann wohl nur in der anzunehmenden Sauberkeit, mit der das Unternehmen üChance 55; im Ministerium abläuft.

Nichts gegen die Darstellung des Problems im Parlament, auch eine Regierung soll diese Bühne benützen dürfen. Aber alles dagegen, dass die Regierung das Problem danach _ nach allfälligen gerichtlichen Nachspielen p als abgehakt betrachtet. Denn das Problem ist weder schauspielerisch noch gerichtlich zu lösen.
Das Problem besteht darin, dass es in unserem System fast unmöglich ist, beispielsweise Postbedienstete, die nicht mehr gebraucht werden, wirkungsvoll dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen, ohne eine umfangreiche Bürokratie dafür zu bemühen. Angesichts der kommenden geburtenschwachen Jahrgänge ist hier dringender Handlungsbedarf seitens der Regierung festzustellen. Es muss die volkswirtschaftliche Komponente von der Politik der betriebswirtschaftlichen gleichwertig zur Seite gestellt werden. So viele personelle Ressourcen hat das Land nicht, um sie so leichtfertig vergeuden zu können.

Zur Heuchelei kommt also noch ein gerüttelt Maß an Blindheit hinzu. Die Durchlässigkeit des Arbeitsmarktes muss Vorrang haben vor der blindwütigen Strategie der Bundesregierung, in der Zentralverwaltung Probleme ausschließlich durch Frühpensionierungen lösen zu wollen. Das wirkt als Vorbild und schafft Nachahmer. Auf die dann in Dringlichen Anfragen an sich selbst mit allen zehn Fingern gezeigt wird.

Rückfragen & Kontakt:

Oberösterreichische Nachrichten

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PON/PON