Umweltdachverband deckt NATURA 2000-Defizite in den Alpinen Regionen auf: - 17 Naturparadiese in den Alpen fehlen noch! - Letzte Chance für Fledermäuse!

Wien (OTS) - Bilaterales Treffen zwischen EU-Kommission und Österreich am 26. Juni ist letzte Chance, die Lücken in Österreichs Beitrag zum Europaschutzprogramm Natura 2000 zu schließen. Umweltdachverband fordert den Schutz konkreter Alpinparadiese, Naturschönheiten und gefährdeter Tierarten, allen voran der Fledermäuse, und legt die letzten Forderungen auf den Tisch.

Mit dem EU-Beitritt hat sich Österreich verpflichtet, gefährdete Tier- und Pflanzenarten, deren Lebensräume, sowie zahlreiche Naturschönheiten unter Schutz zu stellen und in das gesamteuropäische Naturschutznetzwerk Natura 2000 zu knüpfen. Eine Verpflichtung, die von manchen Bundesländern bisher auf eine allzu leichte Schulter genommen wurde. Folglich herrscht in den Alpinen Regionen immer noch Nachnominierungsbedarf. Bereits zu Jahresbeginn hat der Umweltdachverband die komplette Liste aller nachzunominierenden Natura 2000-Alpenschutzgebiete, die von der EU-Kommission eingefordert wurden, auf den Tisch gelegt. Einige Bundesländer, vor allem Vorarlberg und Kärnten, haben den Handlungsbedarf erkannt und wichtige Gebiete nachnominiert. Andere hingegen waren säumig: "Vor allem die Steiermark und Tirol behandeln ihre Alpinparadiese wie Stiefkinder", zeigt sich Dr. Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Umweltdachverbandes, über die Nachlässigkeit ungehalten. Am Beispiel der Isel in Osttirol betrachtet: "Die Isel ist der letzte weitgehend intakte Gletscherfluss im zentralen Alpenraum. Seltene Arten wie Huchen und Koppe leben in der Isel, in ihren Auwäldern ist die Gelbbauchunke zu Hause, auf den Schotterbänken brütet der Flussuferläufer und die Deutsche Tamariske hat hier die größten Bestände in Österreich. Doch dieses Refugium ist nach wie vor nicht nominiert", sagt Mag. Franz Essl, Natura 2000-Experte des Umweltdachverbandes. "Gefährdete Naturgebiete wie die Isel oder auch das Kaisergebirge in Tirol oder Teile des Ennstals in der Steiermark müssen endlich entsprechend geschützt werden - da gibt es kein wenn und aber", so Heilingbrunner.

Jäger der Nacht brauchen endlich adäquaten Schutz!

Ein weiteres massives Defizit deckte Dr. Friederike Spitzenberger auf. Die führende heimische Expertin in Sachen Säugetierkunde beweist mit einer umfangreichen Studie, dass auch für die selten gewordenen Fledermäuse in Österreich bislang nur völlig unzureichend Schutzgebiete nominiert wurden. Diese Studie wurde auch an die Europäische Kommission und an die nationalen Behörden übermittelt und wird beim abschließenden bilateralen Treffen wichtige Basis der Verhandlungen sein.

Das Ergebnis dieser Studie zeigt, dass in Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch viele Fledermausarten vorkommen. Von der "Großen Hufeisennase" (Rhinolophus ferrumequinum) über das "Kleine Mausohr" (Myotis oxygnathus) bis hin zur "Mopsfledermaus" (Barbastella barbastellus): Insgesamt 24 verschiedene Arten der nachtaktiven Säugetiere sind in unserem Land zu Hause. Die Populationen der insektenfressenden Flugkünstler mit dem hochentwickelten Echo-Orientierungssystem sind jedoch stark rückläufig, was vor allem auf die durch den Menschen bewirkte Zerstörung von Fledermaushabitaten zurückzuführen ist. Die in Österreich bestehenden Naturschutzsysteme konnten dieser Entwicklung bis heute nicht entgegenwirken.

Dennoch hat Österreich im Rahmen des für die Alpine Region durchgeführten Gebietsmeldeverfahrens kaum eines der potentiellen Natura 2000-Fledermaus-gebiete nominiert. Und das, obwohl eine Vielzahl österreichischer Gebiete auf Grund ihrer Populationsgröße und -dichte hervorragend für das Schutzgebietssystem Natura 2000 geeignet wäre. "Diese Vorgangsweise stellt einen klaren Verstoß gegen die Schutzverpflichtungen, die in der EU-Richtlinie definiert sind, dar. Die Europäische Kommission ist daher zur Ahndung dieser Richtlinienverletzung rechtlich verpflichtet", warnt Heilingbrunner. Einziger Ausweg: "Die Bundesländer müssen endlich aktiv werden, und die von unseren Experten ausgewiesenen Gebiete rasch unter Schutz stellen", so Heilingbrunner. Passiert das nicht, hätte dies den weiteren Rückgang der Bestandszahlen bis hin zum Aussterben einzelner Fledermausarten zur Folge. Und damit würde auch eines der deklarierten Hauptziele der Richtlinie - die Erhaltung der europäischen Artenvielfalt - verfehlt. Fazit: Seitens der Europäischen Kommission bzw. Österreichs besteht akuter Handlungsbedarf!

Hotspots der Naturschutzlücken: Höhlen des Mittelsteirischen Karstes sind prioritäre Winterquartiere für Große Hufeisennase & Co.

"Für viele Fledermausarten, die nach der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie geschützt sind, stellen die Höhlen des Mittelsteirischen Karstes ein Hauptüberwinterungsgebiet von gesamtösterreichischer Bedeutung dar", sagt Dr. Friederike Spitzenberger, die heimische Doyenne der Fledermauskunde. Wie aus Beringungen bekannt ist, überwintern in diesem kleinen und isolierten Karstgebiet zahlreiche Arten, die sich in den pannonischen Ebenen fortpflanzen. Die Steiermärkische Landesregierung hat zwar die Höhlen der Peggauer Wand und der Raabklamm als Natura 2000-Gebiete nominiert, die als Überwinterungsgebiete jedoch wesentlich bedeutenderen Höhlen der benachbarten Weizklamm und des Lurgrotte-Badlhöhlensystems wurden nicht in das Natura 2000 -Schutzgebietsnetz einbezogen. "In diesen Höhlensystemen überwintern jeweils ein Drittel des heimischen Gesamtbestandes der vom Aussterben bedrohten Großen Hufeisennase und der Kleinen Hufeisennase und 15 % der österreichischen Population der Mopsfledermaus. Bis in die 90er Jahre befanden sich hier auch die letzten österreichischen Wintervorkommen des Kleinen Mausohrs", so Spitzenberger.

Wie wichtig diese Rückzugsrefugien für die bedrohten Tiere sind, zeigt allein die Tatsache, dass die kleinen "Vampire" während des Winterschlafes höchst sensibel auf Störungen reagieren. Denn während dieser Zeit zehren sie allein von ihrem im Herbst gesammelten Fettvorrat. Sie senken ihre Körpertemperatur bis auf wenige Grade über null ab und ihr Herz, das normalerweise mit 400 Schlägen pro Minute das Blut durch die Adern treibt, schlägt während dieser Phase nur 20 Mal in der Minute. In diesem Zustand sind die sonst so flinken Tiere völlig schutzlos. Werden die Fledermäuse während des Winterschlafes mehrmals aufgeschreckt, kann es passieren, dass die Fettreserven vor dem Frühjahr verbraucht sind. Ein Todesurteil, denn dann ist nicht genügend Energie vorhanden, um aus dem Tiefschlaf zu erwachen und neue Energie durch Insektenjagd zu sammeln.

Kein Wunder also, dass Österreichs Fledermausexpertin so nachdrücklich für den Schutz der Höhlen kämpft. Kein Wunder auch, dass ihr die steirischen Höhlen dabei ein besonderes Anliegen sind:
"In der in den Gemeinden Hohenau an der Raab und Naas liegenden Weizklamm befinden sich 118 Höhlen, von denen 11 als Überwinterungsgebiet für Fledermäuse besonders wichtig sind. Das Lurgrotte-Badlhöhlensystem liegt in den Gemeinden Peggau und Semriach. Es umfasst die Lurhöhle, Große und Kleine Badlhöhle und die Aragonithöhle", so Spitzenberger, die abschließend appelliert: "Die Höhlen des Mittelsteirischen Karstes sind nach der FFH-Richtlinie als Fledermausüberwinterungsgebiet unbedingt zu schützen. Sie sind durch laufenden und geplanten Dolomitabbau unmittelbar bedroht.

EU-Umweltkommissarin Margot Wallström unterstützt Forderungen des Umweltdachverbandes

Heilingbrunner zeigt sich zuversichtlich, die hochbrisanten Naturschutzanliegen doch noch in letzter Minute zum Positiven zu wenden. Sein erfolgreicher Besuch bei EU-Kommissarin Margot Wallström im April zeigte bereits Wirkung. "Frau Wallström hat mir nicht nur mündlich versichert, in Sachen Alpinparadiese zu helfen, sondern hat uns auch die schriftliche Zusage gegeben, Frau Dr. Spitzenbergers Fledermaus-Studie bei den bilateralen Verhandlungen in zwei Wochen auf den Tisch zu legen", freut sich Heilingbrunner über die hochkarätige Unterstützung. Das abschließende Treffen zwischen Europäischer Kommission und den Vertretern Österreichs am 26. Juni ist die letzte Chance für Österreich, noch einmal durchzustarten und nicht als Schlusslicht in Sachen Naturschutz in Europa durchs Ziel zu gehen sowie eine Verurteilung durch den Europäischen Gerichtshof und Strafzahlungen in Millionenhöhe zu riskieren. "Hier können die Scharten noch ausgewetzt werden - vorausgesetzt, die Ländervertreter fassen sich ein Herz und verpassen unseren Naturjuwelen doch noch die richtige Fassung", so Heilingbrunner.

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Umweltdachverband - Dr. Sylvia Steinbauer,
Öffentlichkeitsarbeit,
Tel.: 01/40 113/21,
sylvia.steinbauer@umweltdachverband.at
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