"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: " Pensions-Skandal" (Von Alois Vahrner)

Ausgabe vom 10. Juni 2002

Innsbruck (OTS) - Die Österreicher sollen möglichst bald erst mit 67 in Pension, und zwar Männer wie Frauen gleichermaßen, ließ jüngst der deutsche Pensionsexperte Bert Rürup aufhorchen. Die rot-weiß-rote Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Das durchschnittliche Pensionsantrittsalter liegt bei nur 58 Jahren. Allen Pensionsreförmchen zum Trotz blieb Österreich bis heute "Frühpensions-Weltmeister". In keinem anderen europäischen Land sind noch weniger über 60-Jährige im Arbeitsprozess als in der Alpenrepublik. Ein Zustand, der angesicht stark sinkender Geburtenzahlen und steigender Lebenserwartung ohne Reform ins Finanzfiasko führen muss.

Es gibt leider zu viele Beispiele, in denen sich Unternehmen ihrer älteren und teureren Mitarbeiter entledigen. Die Betroffenen aus der Privatwirtschaft würden sich dabei wohl so großzügige Regelungen wie beim Staat wünschen. Dieser verabschiedet über 55-jährige Beamte, die nach der Verwaltungsreform angeblich nicht mehr gebraucht werden, mit 80 Prozent des Letztbezugs in den Vorruhestand. Auch die öffentliche Hand, die ja so gerne Wasser ("länger arbeiten") predigt, trinkt im Zweifelsfall lieber Wein.
Radikale Konsequenzen bis in höchste Etagen muss es geben, wenn ausgerechnet staatsnahe Unternehmen wie Post, Telekom und ÖBB auf Kosten der Allgemeinheit Tausende Mitarbeiter mit Hilfe ärztlicher Gefälligkeitsgutachten "krankheitsbedingt" in die Frühpension geschickt haben sollten. Ob die Flut an Krankheiten allein mit dem Wettbewerb zusammenhängt, dem die früheren Monopolisten nun ausgesetzt sind, werden Staatsanwaltschaft und Rechnunghof zu klären haben. Es muss jedenfalls zu denken geben, wenn bei der Post und Telekom das Pensionsantrittsalter in den letzten Jahren von 59 auf unter 50 Jahre regelrecht abgesackt ist oder bei der Bahn selbst das ohnehin rekordverdächtig niedrige Pensionsalter von immer weniger Mitarbeitern erreicht wird.

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