FORMAT: Historikerin Hamann empfiehlt, Walser zu klagen.

"Dieses Buch ist antisemitisch und ungustiös"

Wien (OTS) - Die Historikerin Brigitte Hamann ("Hitlers Wien", "Winifred Wagner") findet Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" eindeutig antisemitisch. Deshalb empfiehlt sie dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki, der in dem Buch nur mäßig verschlüsselt dargestellt wird, Walser zu klagen.

In FORMAT meint Hamann: "Im Grunde ist Martin Walsers umstrittener Roman 'Tod eines Kritikers' ein Buch über die deutsche Kunst - deren Schicksal in den Händen eines als allmächtig dargestellten jüdischen Kritikers liegt. Das ist natürlich ein altes antisemitisches Vorurteil, das bereits im 19. Jahrhundert bei den Alldeutschen in Wien bestanden hat und in den 20er Jahren auch im Bayreuther Kreis verwurzelt war."

Und Hamann weiter: "Wäre ich Marcel Reich-Ranicki, ich würde Martin Walser klagen. Es kommt im Buch der Vorwurf sexueller Nötigung vor, es ist vom 'grinsenden Männlein' die Rede und vielem anderen. Ich könnte mir vorstellen, daß das Gründe genug wären, so ein Buch verbieten zu lassen. Es ist die reinste Beleidigung von vorne bis hinten."

Und Hamann weiter: "Bei Walser heißt der jüdische Kritiker André Ehrl-König, und Goethes 'Erlkönig' schließt bekanntlich: 'in seinen Armen das Kind war tot'. Damit wird immerhin unterstellt: In den Armen des jüdischen Starkritikers stirbt die deutsche Literatur. Und auf Seite 55 schreibt Walser auch ganz eindeutig, Ehrl-König wäre der Totengräber der deutschen Literatur."

Und Hamann abschließend: "Im übrigen steht dem Roman das lateinische Zitat voran: 'Quod est superius est sicut inferius.' Frei übersetzt heißt das: Das Bedeutende wird als minderwertig dargestellt. Mit anderen Worten: Die Juden machen uns die deutsche Kultur kaputt. Das sind Floskeln, Gerüchte und Beschuldigungen aus dem klassischen antisemitischen Repertoire. Und das macht dieses Buch so ungustiös, daß es nur als Rache eines Schriftstellers verstanden werden kann, der sich ungerecht kritisiert fühlt."

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