"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Der Atom-Joker" (Von Floo Weissmann)

Ausgabe vom 6. 6. 2002

Innsbruck (OTS) - Nach den vergeblichen Vermittlungsversuchen beim Asiengipfel tritt der Kaschmir-Konflikt in eine neue, gefährliche Phase. Seit Jahrzehnten war das Gespenst eines Atomkriegs nicht mehr so nahe. Moslem-Extremisten auf der einen und Hindu-Nationalisten auf der anderen Seite heizen die Stimmung an. Pakistans Machthaber Musharraf und Indiens Premier Vajpayee wollen sich mit einer harten Linie ihre innenpolitischen Gegner vom Leib halten. Das Säbelrasseln kostet Milliarden Dollar. Dabei bräuchten beide Länder dringend Reformen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, um die Armut zu bekämpfen und radikalen Kräften das Wasser abzugraben.

Für das westliche Ohr haben Musharraf und Vajpayee beteuert, keinen Krieg beginnen zu wollen. Doch vor allem im kleineren Pakistan bleibt die nukleare Option am Tisch. Der Atom-Joker ist der höchste Trumpf im Machtpoker um Kaschmir, er sichert internationale Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme.

Die EU ist abgetaucht, und nach dem Scheitern der russischen Vermittlung ruht wieder einmal alle Hoffnung auf den USA. Doch der Weltsheriff begibt sich auf dünnes Eis. Weil die Amerikaner Pakistan im Krieg gegen die Taliban brauchten, ließen sie Musharraf vorschnell die höheren Weihen eines Freundes im Anti-Terror-Kampf zukommen. Sein Doppelspiel mit der Rückendeckung für islamische Extremisten in Kaschmir bringt die US-Politik in Erklärungsnotstand.
Gleichzeitig wollen die USA Indien als strategischen Partner gegen China aufbauen. Neu-Delhi spielt die Rolle des empörten Terror-Opfers. Doch wie im Nahen Osten kann ein Ende der Gewalt nur der Auftakt sein für einen politischen Prozess. Indien hat in der Kaschmir-Frage bisher jedes Zugeständnis verweigert. Washington bleibt wenig Spielraum. Und so reist der Weltsheriff, der sonst rasch und gern den Colt zückt, am Wochenende mit einer Studie darüber an, wie grausam ein Atomkrieg ist.

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