"Presse"-Kommentar: Methode und Wahnsinn (von Christian Ultsch)

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"Presse"-Kommentar: Methode und Wahnsinn (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 6. Juni 2002

Wien (OTS). Man kann von Israel nicht verlangen, die Hände in den Schoß zu
legen, nach einem Terroranschlag wie jenem an der Megiddo-Kreuzung, bei dem mindestens 17 Insassen eines Linienbusses zum Teil bei lebendigem Leib verbrannten. Man kann jedoch von einem demokratischen Staat wie Israel erwarten, daß die Antwort nicht kontraproduktiv ausfällt und weiteren Haß schürt.
Israels Premier Ariel Scharon ist bisher der Devise gefolgt, wenn Härte gegen die Palästinenser nicht reicht, müsse eben noch härter zuschlagen werden. Geführt hat diese Methode lediglich dazu, daß auf palästinensischer Seite die Bereitschaft zu mörderischem Wahnsinn gestiegen ist. Insofern muß die israelische Militäroperation namens "Schutzwall" als gescheitert betrachtet werden.
Eine neue, umfassende Militäroffensive würde wohl alles nur noch schlimmer machen. Israels Armee mag dadurch einige mutmaßliche oder tatsächliche palästinensische Bomber ausschalten, doch sicher nicht alle. Und neue Terroristen wüchsen nach aus dem Boden der Gewalt, den die israelische Armee bei einer derartigen Vergeltungsaktion neu bestellte.
Nein, so läßt sich der Kampf gegen die terroristische Hydra nicht gewinnen. Einzig probates Mittel wäre es, den sozialen und politischen Sumpf auszutrocknen, aus dem das extremistische Ungetüm immer wieder auftaucht. Den Palästinensern müßte also die Hoffnung auf ein Leben in Würde in einem eigenen Staat zurückgegeben werden. Erfolge gegen Terroristen kann Israel lediglich in Zusammenarbeit mit palästinensischen Sicherheitsdiensten erzielen. Nun stellt sich jedoch heraus, daß Israel die Infrastruktur eben dieser Kooperationspartner zerschlagen hat, weil offenbar Teile des palästinensischen Polizeiapparats in terroristische Akte verwickelt waren.
Genau deshalb drängten die USA zuletzt den unwilligen PLO-Chef Jassir Arafat auf eine radikale Reform der Sicherheitsdienste. Diese Bemühungen könnten zu spät kommen, wenn Israel den fatalen Versuch unternimmt, im Alleingang für trügerische Ordnung zu sorgen. Für den Nahen Osten bedeutete dies wieder einmal das Ende aller noch so zarten Hoffnungen.

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