"Neue Kärntner Tageszeitung" - Kommentar: Mandate und Promille

Ausgabe vom 4. Juni 2002 Klagenfurt (OTS) - Mandate und Promille - Ob der Abgeordnete Anton Leikam seine Funktionen aus Einsicht in Fehlverhalten oder gezwungenermaßen zur Verfügung gestellt hat, bleibt keinesfalls Gegenstand von bloß Spekulationen. Er hat aber relativ prompt auf deutliche Wiener Zurufe reagiert, zog die Konsequanz aus selbstverschuldetem und, wie viele Menschen meinen, unentschuldbarem Verhalten. Sich mit zwei Promille ans Steuer eines Autos zu setzen, stellt in der Tat kein harmloses Kavaliersdelikt dar - wenngleich die feuchte Causa in einem Land, das Alkohol in den Rang einer Volksdroge erhebt, reihum eher milde Beurteilung erfährt. Aufschlussreich hingegen ein Blick in die Polit-Kulissen: Die Art, wie Leikam vorerst von der Bundes-SP behandelt wurde, war gewiss nicht fein. Man ließ ihn via Medien ausrichten, was er zu tun habe. Leikam, der sich immerhin drei Jahrzehnte lang für die Sozialdemokratie zerspragelt hat, galt plötzlich nur noch als Adressat, nicht als Gesprächspartner oder wenigstens "Parteifreund". Andererseits: Im Falle eines Verbleibs im Parlament wäre das "rote Urgestein" völlig unhaltbaren Umständen ausgesetzt gewesen. Jede noch so fundierte Hervorbringung des ehemaligen Kärntner Sicherheitssprechers würde eine Flut hämischer Zwischenrufe erzeugt haben. Alkohol und Politik, das Saufen und die Gesellschaft: Sind sie untrennbar miteinander verflochten? Wer diesbezüglich ohne Fehler sei, werfe den ersten Stein. Aber wenigstens fragen wird man dürfen: Müssen sich Politiker bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit volkstümelnd verhalten, sich als Schnittlauch auf oft genug sehr dünnen Veranstaltungssuppen gebärden? Müssen sie, um das deftige Wort eines Kärntner Bezirksstadt-Bürgermeisters zu verwenden, "bei jedem Sauaustreiben" dabei sein? Man weiß schon: Ausdruck von Volksverbundenheit und so. Gelegentlich beübter, auf vernünftige Dosen reduzierter Absenz (Abstinenz) käme allerdings auch ein gewisser Wert zu. Der häufig als "Rechtsverbinder" dahingesegelte Ex-SP-Abgeordnete ist tief getroffen. Versteht die Bundes-SP nicht mehr, apostophiert deren Chef tief beleidigt als "wandelnden Kühlschrank". Womit die Mandate und Promille umrankende Angelegenheit vorerst auf heißer Flamme bleibt. Dass sich FP und VP an Leikams Promillefehltritt keineswegs zu berauschen scheinen, ist eine andere Story. Blau und Schwarz halten sich mit Kritik auffällig zurück. Womöglich handelt es sich um ein prophylaktisches Verhalten - im Wissen gipfelnd, dass das Genussmittel Alkohol, dieses "Antidepressivum Nummer eins" vor keinem politischen Lager Halt macht.

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