"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Fahren macht high" (Von Peter Nindler)

Ausgabe vom 3. 6 2002

Innsbruck (OTS) - Autofahren macht high, Motorradfahren auch. Man könnte sogar behaupten, die Motorisierung ist einfach eine gefährliche Droge. Viele Fahrzeuglenker befinden sich am Volant im Rausch - nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Allgemeinen stecken Autofahrer gerne im Stau, spulen wie am vergangenen Wochenende Tausende Kilometer wie in Trance ab. Stoßstange an Stoßstange - versteht sich. Der Vorgeschmack auf der Brennerautobahn war schon eine Ouvertüre für den Sommer. Der Baustellen-Slalom putscht zusätzlich auf. Schimpfend mutiert der Autofahrer jedoch in diesen Situationen selbst zum größten Verkehrshindernis. Gott sei Dank gibt es in solchen Momenten den Verkehrspsychologen auf zwei Rädern: den Stauberater.

Dass sich rund 69 Prozent der Tiroler Autofahrer nicht angurten, ist rational ebenfalls nicht erklärbar. Obwohl es am seitlichen Sitzende eigentlich klicken sollte, klickt es beim motorisierten Gehirn einfach aus. Gurte ersetzen keine Schutzengel, aber können Leben retten und schwerere Verletzungen verhindern.

Nicht selten äußert sich die Bewusstseinsveränderung im Geschwindigkeitsrausch. Der Blick auf den Tacho wird getrübt, Tempolimits werden nicht mehr wahrgenommen, der Fuß am Gaspedal fühlt sich plötzlich wie Blei an. Mit 106 Stundenkilometern brauste kürzlich ein Führerscheinneuling durch Aldrans.

Auf zwei Rädern ist man der Freiheit ohnehin am nächsten. Beinahe liegend werden die Kurven auf der Brennerbundesstraße, am Fernpass, im Kühtai, am Timmelsjoch oder im Zillertal genommen. Ausscheren, schneiden, aufdrehen, überholen -tollkühn blickt man dem Tod furchtlos in die Augen.

Trotz zahlreicher präventiver Maßnahmen von Exekutive und Experten vermittelt die Straße mehr denn je ein Gefühl der Unsicherheit. Wenn die Karawane der Gefangenen im Verkehrswahnsinn losfährt, verliert das Hirn meist seine Bremsfunktion.

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