DER STANDARD-Kommentar: "Noch trügt der (Euro-)Schein: Die meisten EU-Bürger "fühlen" eine deutliche Teuerung - meist zu Unrecht" (von Michael Moravec) - Erscheinungstag 1.6.2002

(ots) - Das Zeugnis, das der Euro fünf Monate nach seiner Einführung von der Bevölkerung bekommt, ist schlecht: Er ist ein Teuro, meinen 69 Prozent der Bürger im gemeinsamen Währungsraum. In Deutschland glauben das 75 Prozent, in den Niederlanden gar 90 Prozent. In Österreich kritisieren immerhin 41 Prozent, durch den Euro sei "alles" teurer geworden, weitere 23,5 Prozent haben "so manche" Preissteigerung gesehen.

Stimmt nicht, sagen die Statistiker: Von Mai 2001 bis Mai 2002 sind die Preise im Euroraum im Schnitt um zwei Prozent gestiegen. Und das trotz deutlich höherer Ölpreise. Österreich scheint überhaupt ein preisstabiles Musterland zu sein. Während es in Deutschland "Ausreißer" gibt wie Gemüse, das um 15 Prozent teurer wurde, oder Flugreisen, die um elf Prozent mehr kosten als vor einem Jahr, sind in Österreich "Preissünder" nur Einzelfälle ohne statistisches Gewicht - das zumindest meint die Statistik Austria, die in ihrem Warenkorb mit fast tausend Produkten und Dienstleistungen die Preisentwicklung monatlich aufzeichnet. Selbst Untersuchungen der Arbeiterkammer, denen zufolge ein Drittel der Gastwirte die Preise um bis zu 15 Prozent angehoben hat, können statistisch nicht nachvollzogen werden.

Ein Wiener Schnitzel kostete laut Statistik Austria im Mai 2001 in Österreich im Schnitt 105,37 Schilling oder 7,66 Euro, ein Jahr später waren es 7,69 Euro. Ein Krügel Bier wurde ebenso wie Mineralwasser im Jahresvergleich um 3,9 Prozent teurer. Ähnliches gilt für Salate, Torten und Fruchtsäfte. Dienstleistungen wie ein Haarschnitt wurden sogar etwas billiger.

Woher kommt aber dann die flächendeckende schlechte Meinung? Ein neuer, entlarvender Begriff hält Einzug: die "gefühlte Inflation". Es ist zwar fast nichts teurer geworden, aber es fühlt sich so an -möglicherweise auch deswegen, weil schlechte Erfahrungen einprägsamer sind als gute, oder eben als keine Preisveränderung. Und damit entgleitet die Diskussion vom festen Boden der Fakten auf das rutschige Parkett der Emotionen.

Und dort liegt das eigentliche Problem: Wo auch immer das Gefühl für eine Größenordnung vermittelt werden soll, ist in Österreich noch immer der Schilling maßgebend, ebenso wie in Deutschland die Mark und in den Niederlanden der Gulden. Wenn der Finanzminister im Parlament über das Budget spricht, greift er zu Schilling-Milliarden. Autohändler berichten, dass kaum je ein Kunde wissen will, wie viele Euro er für sein Auto bekommt - wie viel ist das in Schilling? Auch Immobilienhändler bestätigen: Wo immer eine Orientierung gefragt ist, herrscht in Österreich noch der Schilling. Das lässt den Umkehrschluss zu, dass es in der Eurowelt noch eher orientierungslos zugeht. Und damit Aussagen über "gefühlte" Teuerungsraten nicht besonders aussagekräftig sind - denn noch trügt der Euroschein offensichtlich.

Dennoch wäre es falsch, das alles nur als vorübergehende, harmlose Massenmarotte abzutun. Denn das Vertrauen in eine Währung und deren Stabilität entscheidet auch über das Konsumverhalten. Wer befürchtet, vom nächsten Autohändler über den Tisch gezogen zu werden, wird den Kauf vielleicht verschieben. Wer Angst hat, dass ihm eine neue Wohnungseinrichtung mit einem kleinen "Euroaufschlag" des Möbelhauses geliefert werden würde, könnte die alten Möbel noch einige Zeit aushalten. Und genau das wäre dann eine Kaufzurückhaltung bei langlebigen Investitionsgütern, wie sie von Experten als Gift für eine gerade wieder anspringende Konjunktur gesehen wird.

Österreich hat innerhalb des Euroraumes mit sehr strengen gesetzlichen Regelungen und Überprüfungen erreicht, dass nur wenige schwarze Schafe die Währungsumstellung zu Preiserhöhungen genutzt haben. Wie sich nun zeigt, war das aber nur eine Minimalanforderung, die die Basis für das Vertrauen geschaffen hat, das sich der Euro erst erarbeiten muss. Und das ist kein Projekt, das in Monaten zu messen sein wird.

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