Chefarztpflicht: Ärzte fordern sofortige Abschaffung unzumutbarer Bürokratiehürden für Hochbetagte und schwer Pflegebedürftige

Pjeta: "Gesundheit darf kein Lotteriespiel werden" - formale Bewilligungsvorschriften für 85jährige und Pflegebedürftige ab Stufe 3 müssen umgehend fallen - Ärzte für Verkürzung der Verfahren der Pflegegeldeinstufung - Kritik an schikanöser Vorgangsweise der Kassen

Wien (OTS) - Der jüngst in den Medien bekannt gewordene Plan der Bundesregierung zur Abschaffung der Chefarztpflicht wird seitens der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) begrüßt. Für viele Patienten stelle die Chefarztpflicht mittlerweile eine unüberwindbare Bürokratiehürde dar, erklärt der Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Dr. Otto Pjeta, in einer Aussendung am Freitag. Gerade für Hochbetagte über 85 Jahren und Pflegegeldbezieher ab der Stufe 3 seien die zahllosen formalen Bewilligungsvorschriften im Sozialversicherungssystem kaum mehr zu bewältigen, berichtet Pjeta. Der Ärztechef fordert daher die Gesundheitspolitik auf, nicht länger zu zögern, sondern die formalen Bewilligungsvorschriften in Form bloßer Sichtvermerke für diese Bevölkerungsgruppen mit sofortiger Wirkung abzuschaffen. Außerdem sei eine Verkürzung der unzumutbar langen Verfahren zur Pflegegeldeinstufung und eine Entbürokratisierung der Pflegegeldhöherreihungen unumgänglich. "Sonst werden die ältesten und schwächsten Menschen in unserer Gesellschaft bald unter die Räder kommen", warnt Pjeta.

Bewilligungspflicht oft "reine Schikane"

In den meisten Fällen entpuppten sich die formalen Bewilligungsvorschriften als "reine Schikane", lautet das harte Urteil Pjetas an den zuletzt immer weiter zunehmenden bürokratischen Erfordernissen zum Erhalt von Gesundheitsleistungen für über 85jährige und hochgradig Pflegebedürftige. So sei die chefärztliche Bewilligung von Medikamenten, Transporten, Arztbesuche oder Physiotherapie für die genannten Gruppen in den vergangenen Jahren nicht nur ausgedehnt worden - oft würden auch Informationen von den Betroffenen eingefordert, die in den Sozialversicherungen längst vorlägen. Die Bewilligungsverfahren für Heilbehelfe und Hilfsmittel dauerten unverhältnismäßig lange. Dabei könne ohnehin nur formal "mit Sichtvermerk" überprüft werden, ob deren Bezug letztlich korrekt erfolge, kritisiert der ÖÄK-Präsident.

Zu hohe Bürokratiehürden für alte Menschen

Viele alte und pflegebedürftige Menschen kapitulierten mittlerweile vor den bürokratischen Anforderungen, die ihnen zur Erreichung bestimmter Kassenleistungen gestellt werden, berichtet Pjeta. Denn oft sei neben dem Ausfüllen komplizierter Formulare auch noch persönliche Vorsprache bei der Kasse erforderlich. Habe ein hochbetagter, immobiler oder multimorbider Mensch nicht einen Angehörigen oder wohlmeinenden Nachbarn, der ihm helfend zur Seite stehe, sei er von der Inanspruchnahme vieler Gesundheitsleistungen faktisch ausgeschlossen - und dass, obwohl Notwendigkeit und Anspruch durchaus gegeben seien, berichtet der Ärztechef, der diese Form der "Gesundheitslotterie" scharf kritisiert.

Besonders von dieser Form sozialer Kälte betroffen sei die Gruppe der über 85jährigen und Pflegegeldbezieher Gruppe 3. Pjeta: "Es kann nicht sein, dass gerade für jenen Teil der Bevölkerung, der Gesundheitsleistungen besonders dringend benötigt, das Gesundsein zur Glückssache wird. Das Sparen darf nicht zu Lasten der Schwächsten gehen und das Bekenntnis zur Menschenwürde nicht zur Leerformel werden. Das Problem dieser Gruppe ist so drängend, dass umgehend gehandelt werden muss. Wenn die Verantwortlichen in der Gesundheitspolitik den gleichen Zugang aller zum Gesundheitssystem wollen, müssen sie jetzt die Vorkehrungen dafür treffen, dass dieser auch tatsächlich gewährleistet bleibt."

Pflegegeldeinstufungen dauern zu lange

Eine weitere unzumutbare Härte sei, dass sich das Verfahren der Pflegegeldeinstufung heute unverhältnismäßig lang hinziehe, kritisiert Pjeta. "Es kann von einem multimorbiden und immobilen Menschen nicht ernsthaft erwartet werden, dass er bis zu sechs Monate wartet, bevor er zu Hilfe kommt", mahnt der ÖÄK-Präsident, der für eine Verkürzung der Verfahren von maximal sechs auf maximal zwei Monate eintritt. Auch sollten die Höherreihung des Pflegegelds nach einem standardisierten Verfahren künftig durch den Arzt veranlasst werden können. Pjeta: "Das würde das derzeit sehr starre und inhumane System aufbrechen und den Betroffenen unbürokratisch Hilfe verschaffen. Sonst werden viele Betroffene zu spät in den Genuss adäquater Unterstützung kommen." (Schluss)

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