"Presse"-Kommentar: Abrüstung ohne Sex-Appeal (von Burkhard Bischof)

Pressestimmen/Vorausmeldung/Außenpolitik

"Presse"-Kommentar: Abrüstung ohne Sex-Appeal (von Burkhard Bischof)

Ausgabe vom 25. Mai 2005

Wien (OTS). Was war das noch für ein weltweites mediales Getöse damals, während
des Kalten Krieges, wenn Washington und Moskau wieder einen Vertrag über Abrüstung oder Rüstungskontrolle vereinbart hatten. Es gab wochen- und seitenlange Berichterstattung in den Zeitungen; Raketenexperten tummelten sich in Teamstärke auf den Bildschirmen. Aus. Vergessen. Vorbei. Abrüstungsschritte zwischen Washington
und
Moskau sind offenbar nicht mehr "sexy". Vielleicht, weil Bad news leider mehr Aufmerksamkeit finden als Good news und weil ein Rüstungswettlauf mehr Nervenkitzel verursacht als ein Abrüstungswettlauf. Vielleicht, weil die eine Seite, Rußland, keine ebenbürtige Supermacht mehr und der Kalte Krieg längst vorbei ist. Vielleicht, weil die ganze Welt sich völlig neuen
Herausforderungen
für ihre Sicherheit gegenübersieht. Vielleicht aber auch, weil die Menschheit gelernt hat, mit der Bombe zu leben, wenn sie auch sicher nicht bereit ist, sie zu lieben.
Kernwaffen haben, wenn das auch viele nicht gerne hören wollen, allein durch ihre Existenz im vergangenen halben Jahrhundert einen neuen Weltkrieg verhindert. Amerikanische und sowjetische Generäle hatten dermaßen viele in ihren Arsenalen angehäuft, daß sie die ganze Welt viele Dutzende Male zerstören hätten können. Die Abschreckung funktionierte, verschlang aber Unsummen - gerade auf russischer Seite, wo man sich diese wahnwitzige Überrüstung längst nicht mehr leisten konnte.
Der am Freitag in Moskau unterzeichnete Abrüstungsvertrag ist da ein
weiterer Schritt, um diese schwere Erbschaft aus dem Kalten Krieg auf ein normaleres, ertragbares Maß zurechtzustutzen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Natürlich finden Experten auf beiden Seiten noch genügend Haare
in
der Suppe, was da doch alles versäumt worden sei. Schon wahr, es kann immer besser sein. Aber freuen wir uns doch einfach mit Russen und Amerikanern, daß wieder ziemlich einiges von diesem "Teufelszeug" (E. Honecker) verschrottet wird. Mehr zu erwarten, wäre derzeit einfach illusorisch. Und ganz verschwinden werden Kernwaffen aus unserem Leben ohnedies nie mehr.

Rückfragen & Kontakt:

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

Die Presse

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/PPR