ÖGB-Verzetnitsch: "35-Stunden-Woche ist ein wichtiger Impuls für mehr Beschäftigung"

ArbeitnehmerInnen stehen hinter Arbeitszeitverkürzung

Laakirchen (ÖGB). "Unser Ziel ist die schrittweise Einführung einer 35-Stunden-Woche mit Lohnausgleich. Dadurch entstünde ein starker Impuls für mehr Beschäftigung, der Arbeitsmarkt würde entlastet." Das erklärte ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch heute, Freitag, bei der Eröffnung der siebten ÖGB-Konferenz "startschuss.zukunft" zum Thema "Arbeitszeit-Lebenszeit" in Laakirchen, Oberösterreich. Laut einer SMS- und Internet-Umfrage im Vorfeld der Konferenz stehen auch die ArbeitnehmerInnen hinter der Forderung: 82,96 Prozent sind demnach bereit, sich selbst für die Einführung der 35-Stunden-Woche einzusetzen.++++

Schon jetzt beträgt die wöchentliche Normalarbeitszeit in vielen Branchen 38,5 Stunden, weitere Arbeitszeitverkürzungen sollen durch kollektivvertragliche Regelungen erreicht werden. "Dann ist der Gesetzgeber am Zug: Die gesetzliche Normalarbeitszeit muss schrittweise auf 38,5 Stunden, dann auf 37 Stunden gesenkt werden", forderte Verzetnitsch. In weiterer Folge solle dann endgültig die 35-Stunden-Woche eingeführt werden. "Diese schrittweise Senkungen sind auch für die Unternehmer verträglich", erklärte der ÖGB-Präsident.

Arbeitslosigkeit kostet

"Arbeitszeit ist ein enorm wichtiger Regulator für den Arbeitsmarkt. Wenn über die Kosten der Arbeitszeitverkürzung gesprochen wird, dann dürfen im Vergleich auch die Kosten einer erhöhten Arbeitslosigkeit nicht außer Acht gelassen werden", so Verzetnitsch. Der Präsident des österreichischen und des europäischen Gewerkschaftsbundes stellte weiters einen Erfolg der Sozialpartnerschaft auf europäischer Ebene vor. Es sei gelungen, Teleworking erstmals im Rahmen eines europäischen Kollektivvertrages zu regeln. Dieser Kollektivvertrag soll innerhalb der nächsten drei Jahre in das nationale Recht übertragen werden.

Produktivität erhalten

In der öffentlichen Darstellung geht weniger Arbeitszeit häufig mit weniger Produktivität einher. "Das ist ein gefährlicher Trugschluss", so der ÖGB-Präsident. Denn obwohl in den USA die Wochenarbeitszeit höher sei und weniger Urlaubstage genossen würden, liege Österreich im vergleichbaren Zeitraum bei der Produktivität mindestens gleich auf oder sogar darüber. "Ich bin stolz, dass die österreichischen MitarbeiterInnen und UnternehmerInnen zu dieser Produktivität beitragen", eröffnete Verzetnitsch die Konferenz, bei der ein Zukunftsprogramm der Arbeitszeitgestaltung aus gewerkschaftlicher Sicht erarbeitet wird.

Hemmschuh Arbeitszeitregelung?

Angesichts mancher Stimmen aus der Wirtschaft, die das bestehende Recht als Hemmschuh bezeichnen, führte der ÖGB-Präsident aus, wie wichtig der Schutz durch das Arbeitszeitgesetz für die ArbeitnehmerInnen sei. "Gesellschaftlicher Zusammenhalt muss auch in einer flexiblen Arbeitswelt möglich und gestaltbar sein. Es geht nicht an, dass manche Gemeinden keine gemeinsame Musikkapelle oder Freiwillige Feuerwehr mehr haben, weil die Arbeitszeiten der Bewohner so unterschiedlich sind", erklärte Verzetnitsch.

Flexibilität muss allen zugute kommen

"Der ÖGB steht flexiblen Arbeitsformen positiv gegenüber, wenn auch die ArbeitnehmerInnen im Sinne einer flexiblen Zeiteinteilung und Lebensgestaltung davon profitieren", so der ÖGB-Präsident. Doch bisher weise der Trend darauf hin, dass die Flexibilisierung nur den Unternehmern Vorteile bringe, während sie für ArbeitnehmerInnen bedeute, jederzeit abrufbar zu sein.

Auf die grenzenlose Verfügbarkeit der ArbeitnehmerInnen zielte auch der Vorstoß zur Ausdehnung der Tagesarbeitszeit des Wirtschaftsministers Martin Bartenstein ab. Für die ArbeitnehmerInnen würde das einen Wegfall der Überstundenzuschläge und die schlechtere Planbarkeit der gemeinsamen Freizeit bedeuten. "Der ÖGB ist für derartige Experimente nicht zu haben. Die Erhöhung der Tagesarbeitszeit kommt einem Rückschritt ins 19. Jahrhundert gleich. Die Gewerkschaften stehen jedoch für Fortschritt mit sozialem Gesicht", stellte Verzetnitsch klar.

Österreich im EU-Spitzenfeld bei atypischer Arbeitszeit

Österreich liegt bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit im Spitzenfeld der Europäischen Union. Während die derzeitige durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten mit 41,9 Stunden exakt dem EU-Durchschnitt entspricht, zeigt sich bei Schicht-, Nacht- und Sonntagsarbeit ein deutlicher Überhang. In Österreich leisten 16,1 Prozent der Beschäftigten regelmäßig Schichtarbeit, im EU-Durchschnitt sind es 11,7 Prozent. Bei der Sonntagsarbeit ist das Verhältnis 15,2 Prozent zu 11,9 Prozent, und 9,5 Prozent österreichischen NachtarbeiterInnen stehen 7 Prozent im EU-Durchschnitt gegenüber.

Folgende ÖGB-Positionen wurden bereits im Vorfeld der siebten "startschuss.zukunft"-Konferenz zum Thema "Arbeitszeit-Lebenszeit" dargestellt:

o Ein Recht auf Teilzeitarbeit: Bei triftigen Gründen wie Kinderbetreuung, anderen Betreuungspflichten, Studium oder sonstiger Ausbildung neben dem Beruf sollen ArbeitnehmerInnen das Recht haben, eine Änderung der Arbeitszeit zu verlangen, die der Arbeitgeber nur aus zwingenden betrieblichen Gründen ablehnen kann.

o Den freien Sonntag erhalten: Sonn- und Feiertagsarbeit muss grundsätzlich verboten bleiben, Ausnahmen sind genauestens zu überprüfen.

o Gesundheit von NachtarbeiterInnen schützen: Auf Grund der erwiesenen Gesundheitsbeeinträchtigung muss Nachtarbeit besonders bewertet werden. Daher fordert der ÖGB die Einführung eines geschlechtsneutralen Nachtarbeitsgesetzes und ein 10-prozentiges Zeitguthaben für jede Nachtarbeitsstunde. Außerdem sollte bei notwendigen Betreuungspflichten eines Kindes unter zwölf Jahren bzw. pflegebedürftiger Angehöriger ein gesetzlicher Anspruch auf Versetzung auf einen Tagesarbeitsplatz bestehen.

o Strafen anpassen: Die im Arbeitszeitrecht vorgesehenen Strafen für die Verletzung von Ruhezeiten und die Überschreitung von Arbeitszeitgrenzen sind seit Jahrzehnten nicht mehr angepasst werden, die Strafhöhe ist daher unbedingt zu aktualisieren.

o Angleichung: Im Gleichklang mit anderen Berufsgruppen ist auch im öffentlichen Dienst die 35-Stunden-Woche mit Lohnausgleich einzuführen.(tb)

ÖGB, 24. Mai 2002
Nr. 467

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Wirtschaft und Regierung wollen Österreichs ArbeitnehmerInnen Saures geben. Der ÖGB tritt für soziale Fairness ein. Mehr unter www.oegb.at

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