"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Mediale Logik" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 23. 5. 2002

Innsbruck (OTS) - Der Tod des zehnjährigen Mädchens erschüttert das Land. Die Schülerin, die Waffe des Vaters, die Verzweiflung, die Schule. Doch hätten wir uns überhaupt über diesen Tod erregen sollen? Nicht, weil wir schon so gefühlskalt und abgestumpft sind, sondern weil wir eigentlich über diesen Selbstmord hätten nichts erfahren dürfen. Aber das ist doch ein völlig naiver Ansatz. In Zeiten der massenmedialen Logik und ihrer Durchdringung aller Lebensbereiche bleibt eben nichts im Verborgenen. Ist es nicht die Aufgabe der Medien, schlicht und einfach zu berichten? Aber nicht um jeden Preis, lautet die Antwort des Naiven.

Goethes Werther, eines der wunderbarsten Bücher der Weltliteratur, stößt eben deshalb nicht nur in der Literaturwissenschaft auf höchstes Interesse. Gilt der Roman des ausgehenden 18. Jahrhunderts doch als Beleg für die Anziehungskraft und Vorbildwirkung von Selbstmördern auf verzweifelte Menschen.
In zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten wurde seither dieser Werther-Effekt in Zeiten von Massenmedien empirisch belegt. Nach der Berichterstattung über Selbstmorde nahm die Zahl der Nachahmungstäter signifikant zu. Vor allem dann, wenn es sich um den Tod von einem Jugendlichen handelte. Denn gerade für Identitätssuchende können auch Täter Vorbilder sein. Deshalb gab es lange Zeit das ungeschriebene Gesetz der Medienverantwortlichen, über Selbstmorde im Regelfall nicht zu berichten.

Über den Tod der Schülerin wurde aber viel berichtet. Vor allem im dominierenden öffentlich-rechtlichen ORF. Vielleicht hielt dieses ungeschriebene Gesetz ganz einfach dem Druck der medialen Logik nicht mehr stand. Vielleicht sollten sich deshalb die Verantwortungsträger wieder an einem Tisch sitzen. Und ganz naiv versuchen, der eigenen medialen Logik zu widersagen. Der Tod des Mädchens erschütterte das Land. Vielleicht muss man aber nicht immer alles erfahren, was erschüttert.

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