"Die Presse" Kommentar: "Zu Pfingsten in Nürnberg" (von Hans Werner Scheidl)

Ausgabe vom 21.5.2002

Wien (OTS) Der 53. Sudetendeutsche Tag zu Pfingsten in Nürnberg hat ein
geschichtliches Axiom bestätigt: Was an kollektivem Unrecht nicht ordentlich aufgearbeitet wurde, kehrt mit Sicherheit als Gespenst zurück - nach Jahren, oft erst in der nächsten Generation; im speziellen Fall sind schon 57 Jahre vergangen - aber die Menschen vergessen nicht.
Das Unrecht der barbarischen Vertreibung von 3,5 Millionen Deutschen aus ihrer böhmischen, mährischen und schlesischen Heimat als Folge des Aggressionskrieges Adolf Hitlers ist eine solche Wunde. Das selbstgerechte Sperrfeuer der tschechischen Medien im Vorfeld des Sudetendeutschen Tages hat zwar schon "gute" Tradition, offenbart stets uneingestanden schlechtes Gewissen, war aber diesmal von wachsender Nervosität geprägt. Denn der bayrische Lokalmatador Edmund Stoiber - seit jeher Schirmherr der Vertriebenen - trat erstmals als Kanzlerkandidat vor die Sudetendeutschen. Was er ihnen zu sagen hatte, variierte in den letzten Jahren kaum dennoch hat nun jede Aussage Stoibers doppeltes Gewicht. Und so verlegte der eventuelle künftige Regierungschef den Schwerpunkt seiner Philippika bewußt auf "Verständigung", die er ab September vom Berliner Kanzleramt aus forcieren wolle.
Natürlich jubelten die Vertriebenen, deren Kinder und Kindeskinder dem Wahlredner Stoiber zu, wenn er vom Unrecht sprach und die Frage an Prag richtete, ob so jemand "europatauglich" sei. Aber zu einem Junktim mit Tschechiens EU-Beitritt ließ sich Stoiber nicht einmal in Nürnberg hinreißen.
Wofür der "Stoiber-Edi" bejubelt wurde, dafür erntete der SPD-Innenminister Otto Schily Volkszorn. Auch der schillernde Ex-Grüne hatte in Nürnberg "weg mit den Benes-Dekreten" gerufen (was ihm in Prag prompt übelgenommen ward). Aber er hatte die Unvorsichtigkeit begangen, auszusprechen, was Stoiber fein verklausuliert ließ: Daß deswegen keine deutsche Parlamentspartei Prags EU-Beitritt verzögern werde.
Stoiber hat an diesem Wochenende gepunktet (auch mit Hilfe seiner im Sudetenland geborenen Frau). Daß er sich aber auf keinerlei Versprechungen eingelassen hat, das ging in dem Jubel von Nürnberg leicht unter.

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