Die neue Qualität der Alten von Gerhard Marschall

WirtschaftsBlatt-Kommentar

Wien (OTS) - Die österreichische Bevölkerung, aber nicht nur sie, die Gesellschaft in ganz Europa altert rapide. Das WirtschaftsBlatt hat diese Entwicklung im Detail dargelegt, sie hat im Wesentlichen zwei Gründe: Die Lebenserwartung steigt, die Geburtenrate sinkt. Das hebt zwangsläufig das Durchschnittsalter, was sich in nächster Zeit dramatisch verschärfen wird, weil sich die starken Babyboom-Jahrgänge der Pensionsreife nähern. In gar nicht so ferner Zukunft werden die über 60-Jährigen die grösste Altersgruppe stellen mit allen damit verbundenen Folgen für Arbeitswelt und Pensionssysteme.

Das sind keine Prognosen, die sich bewahrheiten oder auch nicht, das sind Tatsachen. Die 45- bis 50-Jährigen von heute sind die grosse Rentnerwelle von morgen. Sie sind also eine bereits existierende
und unaufhaltsam alternde Gruppe von Menschen.

So alarmierend wie die Fakten ist der Umstand, dass sie bis jetzt kaum zu Konsequenzen geführt haben. Tagespolitische Kurzatmigkeit vereitelt langfristiges Handeln, das mitunter aus rein parteitaktischem Kalkül hintertrieben wird. So ist längst klar, dass es ohne gezielte Zuwanderung nicht abgehen wird, will Österreich sein wirtschaftliches Niveau halten. Dennoch werden von den populistischen Abstaubern hartnäckig Überfremdungsängste geschürt.

Es gibt aber auch positive Beispiele. So haben Industriellenvereinigung und Arbeiterkammer soeben eine Initiative gestartet, die Mut zum Alter machen will. Ältere Mitarbeiter sollen nicht mehr als finanzielle Last, sondern auf Grund ihrer Erfahrung als Bereicherung gesehen werden. Die Wirtschaft wird bald jede Arbeitskraft brauchen und die Alten hofieren müssen, anstatt sie als blosse Kostenfaktoren bei erstbester Gelegenheit auszuscheiden. Aktionen wie diese kommen um keinen Tag zu früh, eher zu spät. Es stimmt nämlich, wenn die Initiatoren sagen, dass es eine tiefgehende Bewusstseinsänderung braucht, die auf einen Kulturwandel hinausläuft. Zudem werden weiterhin exakt andere Signale ausgesendet. Etwa, indem der Arbeitgeber Staat ältere Mitarbeiter in den vorzeitigen Ruhestand lockt, und das mittels finanzieller Anreize, die sich nur er leisten kann, weil er nur bedingt ökonomischen Gesetzen gehorchen muss. Eine Politik, die im eigenen Wirkungsbereich die Alten aus dem Arbeitsleben bugsiert, kann aber nicht genau das Gegenteil davon predigen. Es ist ein langer Weg bis zur Revolution. (Schluss) mar

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