Wiens Börse ist tot, es lebe die Börse

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Robert Gillinger

Wien (OTS) - Österreich hat zu wenig Privataktionäre. 7,5 Prozent der erwachsenen
Bevölkerung sind es, neidvoll blicken Industrie, Börse und Regierung in den Norden. 30 Prozent der Skandinavier halten Aktien. Vor kurzem hat die Regierung den ehemaligen OMV-Chef Richard Schenz in die Schlacht geworfen. Er ist Regierungsbeauftragter für den Kapitalmarkt und soll helfen, die Sünden der Vergangenheit ungeschehen zu machen.

Anfang der Woche diskutierten wieder einmal Experten im Rahmen des mittlerweile zweiten Kapitalmarktsymposiums über das Wie. Zweifelnde Frage als Fazit: Steht Schenz auf verlorenem Posten? Gott vergibt Sünden relativ schnell, doch der Privatanleger ist wie ein Elefant, er vergisst nicht so schnell. Und so wird es schwer, an seine Erfolgsaussichten zu glauben. Er soll sowohl Nachfrage schaffen als auch das Angebot steigern. Und wie geht das? Unter anderem soll die steuerliche Förderung des Aktienerwerbs einen Nachfrageschub auslösen, für den Staat natürlich möglichst aufwandsneutral. Steuerbegünstigter Erwerb junger Aktien, hatten wir das nicht schon einmal? Fonds österreichischer Banken, wenn möglich unter dem Titel der Altersvorsorge, sollen verstärkt österreichische Aktien kaufen. Auch das soll die Nachfrage stimulieren.

Ein Einwand sei gestattet. Wenn die Nachfrage auf Seite der Anleger da wäre, dann würden die Fonds danach handeln. Jemanden aber zu einem Investment zwingen, das er gar nicht will? Klarerweise muss der erhofften Nachfrage ein erhöhtes Angebot gegenüberstehen. Die notorisch unter einem Mangel an Streubesitz leidenden börsenotierten Gesellschaften könnten das Mehr an erhoffter Nachfrage wohl nicht befriedigen. Doch die Zahl dieser Newcomer gilt als sehr begrenzt.

Aktienkultur will gelernt sein, doch das fängt nicht beim Privaten, sondern beim Unternehmen an. Mangelhaft ist oft ihre IR-Arbeit. Wer nicht gewillt ist, dem Anleger die gewünschte Auskunft zu erteilen, soll sich nicht wundern, dass dessen Geld woanders landet.

Solange das so ist, wird sich Wien immer rühmen können, fundamental eine günstige Börse zu sein. Wer an die Börse geht, muss Macht aus der Hand geben. Ein Mindeststreubesitz von 25,1 Prozent wäre daher wünschenswert, das gilt auch für das unsägliche Thema der wechselseitigen Beteiligungen. Aber das alles wurde in der Vergangenheit versäumt oder verbockt. Richard Schenz
ist in keiner beneidenswerten Lage.

(Schluss) gill

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