"Die Presse" Kommentar: "Der Tölpel Europa" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 14.5.2002

Wien (OTS) Israel und die Araber haben derzeit nicht viel zu lachen. Umso mehr
können sie sich über die Rolle Europas amüsieren. Dieses hatte in den letzten Monaten den Mund sehr voll genommen und steht nun plötzlich mit der heißen Fracht von 13 palästinensischen Terroristen in Händen jämmerlich da.
Spanien als EU-Präsident und der (ebenfalls spanische) Mister Außenpolitik der EU haben großspurig zugesagt, daß Europa die schlimmsten Gestalten aus der Bethlehemer Geburtskirche aufnehmen werde, damit die dortige Belagerung ein Ende nimmt, die die Nerven der EU-Diplomaten so sehr belastet hat.
Das famose spanische Doppel hat nur ein paar Kleinigkeiten übersehen: Wenn die 13 harmlos sind, warum können sie nicht gleich im Nahen Osten bleiben? Sind sie aber wirklich gefährliche Terroristen, warum um alles in der Welt soll nun ein europäisches Land sie aufnehmen? Haben wir nicht gerade alle beschworen, Terroristen umgehend auszuliefern? Hat nicht soeben die EU ihre Mitgliedsländer (und auch das widerstrebende Österreich) gezwungen, künftig sogar eigene Staatsbürger auszuliefern? Warum wohl haben die Amerikaner, die im Nahen Osten sonst dominieren, sich in der 13er Frage zurückgehalten? Ist die Rolle der gemeinsamen europäischen Außenpolitik wirklich die des Tölpels der Weltpolitik?
Vor allem in Israel wird man sich über den europäischen Tanz mit den terroristischen Erdäpfeln zu Tode lachen. Die EU ist entweder als Spießgeselle von Terroristen entlarvt oder als wortbrüchig blamiert, weil sie diesen (hoffentlich) doch nicht die totale Freiheit gewährt. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß man in Jerusalem diese Doppelmühle sehr bewußt eröffnet hat. Zwischen Madrid (einem der großen und offenbar weisen EU-Länder, die künftig noch mehr den europäischen Ton angeben wollen) und Brüssel hat man die Gefahr jedoch übersehen.
Die Männer an Europas Steuerrädern können sich aber trösten: Sie haben im Kärntner Landeshauptmann einen kongenialen Spießgesellen gefunden - dessen außenpolitischen Eskapaden nicht einmal mehr populistisch sind. Denn Österreichs Bürger haben da ein viel besseres Gespür.

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