"Presse"-Kommentar: Österreichische Selbstzerstörung (von Andreas Schwarz)

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"Presse"-Kommentar: Österreichische Selbstzerstörung (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 10. Mai 2002

Wien (OTS). Wem's gut geht, der jammert gern. Das ist "gute"
Wiener Tradition.
In den letzten Tagen kam wieder einmal eine Prise Selbstzerstörung dazu, und da hören sich die liebenswerten Marotten auf.
In Österreich gibt es - Gott sei Dank - keine antisemitischen Anschläge wie in Belgien oder Frankreich; keine neonazistische Gewalt wie in Deutschland; keine Politiker-Morde wie in Italien oder den Niederlanden; es gibt Stabilität, sozialen Frieden. Dennoch vermittelt das Land den Eindruck, als wäre es geteilt, in braune Gralshüter da und die roten Anstandsretter dort, kurz vorm Bürgerkrieg.
Schuld daran ist ein Haufen ewiggestriger Burschenschafter, die
ihr
(jährliches) Totengedenken zum 8. Mai diesmal natürlich zu zusätzlicher Provokation genützt haben (den enragierten Gegner reizen und schauen, was passiert, gehört zum Repertoire); von denen einige bewußt am und jenseits des Randes argumentieren, der für Menschen mit Hirn noch tolerabel ist.
Schuld daran sind selbsternannte Antifaschisten, die Toleranz predigen und Haß säen, indem sie quasi alle, die im Zweiten Weltkrieg auf der "falschen Seite" ihr Leben ließen, zu Nazis stempeln; indem sie undifferenziert (verbale) Gewalt üben gegen jeden, der es nach ihrem Urteil - welche Instanz sind sie eigentlich? - verdient.
Und schuld daran ist der Wiener Bürgermeister, der die Glanzidee hatte, in diese Stimmung hineinzublasen: Im Windschatten der Anti-Le-Pen-Welle organisierte er ein "Fest der Demokratie", das gewichtiger Kontrapunkt gegen die so gewichtige Gefahr von rechts sein sollte -mit der Gefahr einer Eskalation in seiner Stadt. Aber was zählt schon die Stadt, wenn man sich als moralische Instanz präsentieren kann?
Passiert ist nichts, zu Häupls Fest kamen ein paar hundert Bratwurst-
Hungrige - die Bevölkerung sieht sich offenbar nicht so polarisiert, wie die Polarisierer das gerne vermitteln wollen. Nur die Ärzte eines internationalen Kongresses in der Hofburg verlegten an diesem 8. Mai ihren Ball nach Schönbrunn, weil man im Zentrum Wiens angesichts dieses Klimas ja nicht sicher sein kann. Es ist zu fürchten, daß es in Österreich einige gibt, die sich über dieses ins Ausland getragene Bild auch noch freuen.

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