DER STANDARD-Bericht: "Man hat kein Blut gesehen"

Erscheinungstag 8.5.2002

Wien (OTS) - Gewaltspiele zu verbieten mache wenig Sinn, ist
Sherry Turkle, die "Soziologin des Internets", überzeugt. Sie fordert vehement eine breite Diskussion abseits der Industrie.

"Es wird nichts bringen, gewaltverherrlichende Computerspiele verbieten zu wollen", ist Sherry Turkle im Standard-Gespräch überzeugt. Auch wenn der Amoklauf vom Gutenberg-Gymnasium in Erfurt eine neue Dimension in die Diskussion um Gewalt und neue Medien gebracht hat. Auch wenn Robert Steinhäuser schon lange das Umbringen seiner Lehrer nicht nur am Schießstand, sondern auch im Computerspiel "trainiert" hatte: Sherry Turkle, die am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehrt und als "Soziologin des Internets" bekannt wurde, bleibt realistisch: "Schon mehrere Generationen von Wissenschaftern und Experten beschäftigten sich mit der Frage der Gewalt in Film und Fernsehen. Aber versucht deshalb jemand das Medium zu verbieten?"

Auf der anderen Seite aber fordert Turkle vehement: "Diese Fragen dürfen nicht auf jene beschränkt bleiben, die so etwas herstellen. Diese Themen müssen in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten diskutiert werden." So, wie sich die klinische Psychologin und Professorin für Wissenschaftssoziologie am Montagabend im Rahmen der 29. Freud-Vorlesung in Wien auch mit der Positionierung von Psychoanalyse im digitalen Zeitalter auseinander setzte.

Ein cooler Satz

Und da geht es nicht nur um die Frage ob Onlineanalysen sinnvoll sind oder nicht. Da berichtet Turkle etwa auch von einem siebenjährigen adoptierten Mädchen, das eine Roboterpuppe zum Spielen bekam. Als sie das Spielgerät jemand anderen geben wollte, sagte die Puppe: "Tu mir das nicht an! Gib mich nicht zur Adoption frei!" Turkle: "Diesen Satz hatte beim Hersteller dieser Puppe ein 17-jähriger Aspirant programmiert, weil er dachte, dass das cool sei." Das Mädchen, das wusste, dass es selbst adoptiert worden war, schlitterte in eine Krise."

Belege, warum die Diskussion auch abseits der Computerindustrie geführt werden müsse, hat Turkle jede Menge: "Natürlich hatte bei jenen, die das "Creatures"-Spiel entwickelten, niemand bedacht, dass es den Kindern viel mehr Spaß macht, richtige Monster zu erziehen als die braven und normalen Tiere."

Bei der Freud-Vorlesung zeigte Turkle auch ein Interview mit dem Erfinder einer lernenden Computerpuppe. Der zeigt, wie sich die Puppe freut, wenn es ihr gut geht. Wie sie weint, wenn er sie an den Füßen in die Höhe hält.

Keine Reaktion mehr

Die nächste Reaktion liegt nahe: Wie würde die Puppe wohl erst weinen, wenn man sie fallen lässt? Türkle: "Als diese Puppe später in Produktion ging, reagierte sie nur auf moderate falsche Behandlung -und auf Misshandlungen überhaupt nicht mehr. Aber auch hier stellt sich wieder die Frage, ob das eine adäquate Reaktion ist."

Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt. "Was meinen Sie, ist es in Ordnung, wenn man alten Menschen Roboterhaustiere als ,ideale Gefährten" gibt?", will Turkle vom Publikum in der Aula des Uni-Campus wissen. Aber auch das bleibt offen.

Gelegentlich geben Kinder erste Antworten, die weiter führen. "Unlängst sah ich mit meiner Tochter den Film ,Herr der Ringe an"", berichtet sie später im Standard-Gespräch. "Ich fragte sie, wie sie denn auf die Gewalt reagiert habe. Für sie war das fast eine absurde Frage. Ich meinte: Aber da sterben doch Tausende von Wesen. Worauf meine Tochter antwortete: ,Aber man hat ja kein Blut gesehen." Und genau das ist es, was in manchen Computerspielen passiert."

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