"Die Presse" - Kommentar: "Vom Wort zum Mord" von Andreas Unterberger

Ausgabe vom 8.5.2002

WIEN (OTS). Europa ist schockiert. Der Mord am rechtspopulistischen Tausendsassa Pim Fortuyn durch einen fanatischen Linksextremisten hat Politiker von Rom bis Oslo aufgeschreckt. Artig wird ein Maßhalten in der politischen Auseinandersetzung eingemahnt, die Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung verurteilt. Meist wird auch dazugesagt, dass das Opfer ja kein Rechtsextremist im Sinne eines Le Pen gewesen sei, sondern ein bunter Vogel mit besonders artikulierten populistischen Ansichten, Moslems hat er halt nicht gemocht, weil sie den Homosexuellen Fortuyn auch nicht mochten. Diese Beschreibung verbirgt bemüht pietätvoll, aber nur unzureichend den unterschwelligen Vorwurf vom gesäten Wind und geernteten Sturm: Hat nicht einer, der anheizt, der aufhetzt, der Stimmenfang mit Spott und Häme betreibt, ein höheres Risiko, selbst Ziel von Spott, Hetze und - in letzter Konsequenz - Gewalt zu werden? Also selbst schuld?
Nein, das wird natürlich niemand sagen. Aber man stelle sich vor, ein Rechtsextremer hätte, Gott behüte, einem Politiker anderer Couleur Gewalt angetan - ein Lichtermeer wider die politische Gewalt würde brennen vom Heldenplatz bis auf die Champs Elysées. Im Falle Fortuyns aber werden Gesinnungsfreunde des Holländers, die die sprachliche Gewalt auch gegen Rechtspopulisten, die Ausgrenzung von unliebsamen Politikern, das eindimensionale Schema links = anständig / rechts = unanständig mitverantwortlich machen für tatsächliche Gewalt wie die von Hilversum, flugs niedergeknüppelt. Verbal, versteht sich.
Es ist genau dieser Stil in der politischen Auseinandersetzung, es sind die dumpfen Untertöne, es ist die Verachtung des Gegners im Diskurs, wenn er stattfindet, die politische Gewalt möglich machen. Ganz unabhängig von der Frage, wer diesen Stil eingebracht hat. Es beginnt mit dem Wort, es geht weiter mit der heimlich akklamierten Torte im Gesicht, und es endet mit Mord. Durch Terroristen wie in Italien, wo die Rechte verbal sturmreif geschossen war, ehe die Roten Brigaden den Regierungsberater Biagi erschossen. Oder durch einen fanatischen Grünen, für den Wort, Torte und Mord eins waren.ENDE

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