ÖGB zu Rürup: Derzeit keine Chance länger zu arbeiten

Leitender Sekretär Dr. Richard Leutner wirft Rürup Fehleinschätzung vor

Wien (ÖGB). "Wenn Bert Rürup für eine Anhebung des Pensionsantrittsalters plädiert und die Anhebung des Pensionsalters der Frauen vor dem Jahr 2019 verlangt, dann begeht er eine grobe Fehleinschätzung", kritisierte der Leitende Sekretär im ÖGB, Dr. Richard Leutner. Denn Tatsache ist, dass die Menschen es sich derzeit nicht aussuchen können, wann sie in Pension gehen. Leutner warnte auch vor Rürups Forderung nach einer zweiten privaten Pensionsvorsorge. Dies deutet darauf hin, dass die "Abfertigung neu" zu einer zweiten Pensionssäule umfunktioniert werden soll.++++

Auf einer groben Fehleinschätzung beruht die Forderung von Professor Rürup, das Pensionsantrittsalter anzuheben. Es liege nämlich nicht in der Entscheidungsfreiheit der Betroffenen, ob sie über die derzeitige Pensionsaltersgrenze hinaus im Erwerbsleben bleiben wollen, oder ob sie es vorziehen, mit Erreichen dieser Altersgrenze in Pension zu gehen, sagte Leutner. Faktum ist nämlich, dass die vergangenen Jahre dadurch geprägt waren, dass ältere ArbeitnehmerInnen in sehr vielen Fällen bereits vor Erreichung des Pensionsalters auf dem Arbeitsmarkt keine Chance hatten und abgeschoben wurden. "Mehr als die Hälfte aller Pensionseintritte erfolgte nicht unmittelbar im Anschluss an Erwerbstätigkeit, sondern im Anschluss an Krankenstand oder Arbeitslosigkeit", stellte der Leitende Sekretär im ÖGB fest.

Verschärft wurde die Situation zusätzlich durch die überfallsartige Anhebung des Pensionsantrittsalter um eineinhalb Jahre, was dazu geführt hat, dass sich die Arbeitslosigkeit älterer ArbeitnehmerInnen dramatisch verstärkt hat. "Die Auswirkungen der geänderten Zugangsbestimmungen in die vorzeitige Alterspension lassen sich am Beispiel der Arbeitslosenzahlen für den Monat April 2002 klar dokumentieren", sagt Leutner: "Bei den über 50jährigen nahm die Arbeitslosigkeit um 16,6 Prozent, bei den 50- bis 54jährigen um 9,5 Prozent, bei den 55- bis 59jährigen um 20,1 Prozent und bei den über 60jährigen um dramatische 60,5 Prozent zu."

Arbeit ermöglichen, statt "abschieben"

In Anbetracht dieser Fakten ist es nicht angebracht, eine Diskussion über Erhöhung des Pensionsantrittsalters anzuzetteln. Vielmehr bedarf es einer nationalen Kraftanstrengung zur Verbesserung der Arbeitsmarktchancen älterer ArbeitnehmerInnen. "Den Menschen in Österreich muss Arbeit ermöglicht werden, statt sie in die Arbeitslosigkeit abzuschieben", forderte Leutner. Auch die Überlegungen Rürups, das Pensionsalter der Frauen jenem der Männer schon vor dem Jahr 2019 anzugleichen, "haben keinerlei Berechtigung, so lange Frauen nach wie vor benachteiligt sind", argumentierte Leutner. Er forderte alle politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen auf, endlich älteren Menschen Arbeitsplätze zu sichern. Es ist absurd, über ein höheres Antrittsalter nach zu denken und gleichzeitig ständig ältere ArbeitnehmerInnen abzuschieben.

"Abfertigung neu" ist keine betriebliche Altersvorsorge

Leutner warnte auch vor Rürups Vorschlag nach einer zweiten privaten Pensionsvorsorge. Dies deutet darauf hin, dass die "Abfertigung neu" zu einer zweiten Pensionssäule umfunktioniert werden soll. "Die Abfertigung muss auch in Zukunft Abfertigung bleiben", erinnerte Leutner an die Sozialpartnereinigung. Diese garantiere nicht nur, dass künftig alle ArbeitnehmerInnen Abfertigung und das auch bei Selbstkündigung erhalten, sondern auch die Wahlfreiheit. Sinn der Abfertigung ist es nämlich auch, dass ArbeitnehmerInnen ihre Abfertigung als Überbrückungshilfe im Fall von Arbeitslosigkeit verwenden können. (ew)

ÖGB, 7. Mai 2002
Nr. 413

Bei der "Abfertigung Neu" sollen Zeiten für Kinderbetreuung auch zukünftig nicht angerechnet werden. Deswegen haben die ÖGB-Frauen zur Protestaktion aufgerufen. Unter www.oegb.at/frauen können Sie unsere Aktion unterstützen. Machen Sie mit!

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