DER STANDARD-Kommentar: "Zum zweiten Mal Chirac" (von Christoph Winder)

Erscheinungstag 7.5.2002

Wien (OTS) - Der Mann trägt einen Namen wie aus einem
Balzac-Roman, hat, wie Le Monde scharf beobachtete, dasselbe Profil wie Lino Ventura sowie ein Embonpoint, das blendend geeignet ist, die Vorstellung nicht enden wollender Völlereien in der französischen Provinz hervorzurufen. Die große politische Frage lautet nun freilich: Was wollte Jacques Chirac dem französischen Wähler sagen, als er Jean-Pierre Raffarin zu seinem Übergangspremier bestellte?

Zunächst ist der gemäßigte Raffarin ein kleines Geschenk an die Linke, die Chirac am Sonntag naserümpfend und zähneknirschend zum größten Sieg verhalf, den je ein französischer Staatschef in der Fünften Republik auf sein Banner schreiben konnte. Er ist aber auch, als Mitglied der wirtschaftsfreundlichen "Démocratie Liberale", einer anderen Partei also als der, der Chirac angehört, ein Signal an die gemäßigte Rechte, ihre notorische Lust an der Selbstzerfleischung hintanzustellen. Das alte Schlagwort, die französische Rechte sei "die dümmste Rechte der Welt", sollte sich wenigstens angesichts der Parlamentswahlen im Juni einmal als unrichtig erweisen, zumal ja auch eine gemeinsame Front gegen den von Rachsucht zerfressenen Politrabauken Le Pen nötiger ist denn je.

Bei aller Bedeutung freilich, die Raffarin in den kommenden Wochen haben mag: Der Mann, auf den es in der krisenhaften Situation der französischen Politik am meisten ankommt, ist Jacques Chirac selbst. Er bleibt mit einem Traumergebnis im Elysée-Palast - und sollte nun, von Skandalen und einem kläglichen Ertrag seiner ersten Amtszeit belastet, die darniederliegende Politmoral der Franzosen schleunigst wieder aufrichten. Ob Chirac, der bald siebzig Jahre alt wird, noch einmal die Kraft zu diesem Unternehmen aufbringt? Das Französische hat für solche Zweifelsfälle ein sarkastisches Sprichwort auf Lager:
Qui vivra, verra - wer noch am Leben ist, der wird es ja sehen.

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