ÖGB-NÖ: Fachkräftemangel - Änderung der Wirtschafts- und Bildungspolitik wichtiger als übereilte Öffnung der Grenzen

Wien (ÖGB-NÖ). Wieder einmal präsentiert die Industrie in der Öffentlichkeit ihre Forderung nach einer raschen Öffnung der Grenzen für ausländische Fachkräfte. Diese Forderung wird leider völlig undifferenziert aufgestellt, ohne Bereitschaft zur mittelfristigen Veränderung der Arbeitsmarktsituation. Dabei hängt das Vorhandensein einer ausreichenden Anzahl an qualifizierten ArbeitnehmerInnen in hohem Maße von der Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen selbst, aber auch der Bildungspolitik als solcher, ab, stellt die Landesexekutive Niederösterreich des ÖGB fest.++++

Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften ist in Wachstumsbranchen ein in entwickelten Volkswirtschaften zu beobachtender Prozess. Demgegenüber kommt es in "älteren" Branchen zu einem Überhang an Qualifikationen. Dieses Ungleichgewicht auszugleichen muss Aufgabe vorausschauender Unternehmer und einer verantwortungsbewussten Bildungspolitik sein. Wenn Fachkräfte fehlen, muss die Wirtschaft auf ihre Versäumnisse in der Vergangenheit aufmerksam gemacht werden. Dieser Aufgabe haben sich trotz Warnung von ÖGB und AK die Arbeitgeber nicht gestellt.

Die ArbeitnehmerInnen-Interessenvertretungen haben sich darüber hinaus in der Vergangenheit stets dafür eingesetzt, auch den Staat nicht aus seiner bildungspolitischen Verantwortung zu entlassen. Exemplarisch sei für unser Bundesland darauf hingewiesen, dass in den letzten Jahren auf Initiative von ÖGB, AK, AMS und Land Niederösterreich ausreichend Lehrstellen bereitgestellt werden konnten. Die zum größten Teil vom Bildungsinstitut des ÖGB und der Gewerkschaften angebotenen Lehrgänge und Stiftungen haben einen wichtigen Beitrag zur Jugendbeschäftigung und damit zur Beseitigung des Fachkräftemangels geleistet. Demgegenüber war die Wirtschaft immer weniger in der Lage allen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz anzubieten.

Die Landesexekutive Niederösterreich des ÖGB sieht ein großes Arbeitskräftepotential auch ohne eine überhastete und unkontrollierte Öffnung der Grenzen:

Die Arbeitslosigkeit bewegt sich gegenwärtig auf Rekordniveau. Hier gilt es durch den verstärkten Einsatz von Ressourcen bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik die strukturellen Schwierigkeiten zu überwinden und den Arbeitslosen zu den geforderten Qualifikationen zu verhelfen. Die Frauenerwerbsquote ist im internationalen Vergleich nicht hoch. Insbesondere die skandinavischen Länder schaffen durch ein ausreichendes Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen die Voraussetzungen dafür, dass auch die Qualifikationen der Frauen dem Arbeitsmarkt in hohem Ausmaß zur Verfügung stehen.
Unter den Beschäftigten Österreichs finden sich rund 16% mit gestörten Beschäftigungskarrieren (weniger als 100 Tage beschäftigt, dann niedrigeres Einkommen). Diese Menschen warten auf eine Chance zur Höherqualifikation um erlittene Einkommenseinbußen wieder aufholen zu können.

Um aus diesem Arbeitskräftepotential die benötigten Fachkräfte zu mobilisieren, muss mit der in den letzten Jahren gängigen Praxis gebrochen werden, Mittel aus der Arbeitslosenversicherung zweckentfremdet für die Budgetkonsolidierung zu verwenden. Darüber hinaus fordern wir, die Arbeitsmarktrücklage gem. Arbeitsmarktfinanzierungsgesetz von rd. 110 Mill. Euro wie vorgesehen für Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik einzusetzen und diese nicht ins Bundesbudget fließen zu lassen.

Die Landesexekutive des ÖGB-Niederösterreich tritt auch für eine Offensive im Bereich der Lehrlingsausbildung ein. Es hat sich gezeigt, dass ohne politische Steuerungsmaßnahmen die Wirtschaft nicht im Stande ist, ihren eigenen Fachkräftenachwuchs auszubilden. Daher verlangen wir vehement ernsthafte Gespräche über die Einrichtung eines Berufsbildungsfonds.

Auch die Erwachsenenbildung darf nicht länger Stiefkind der Bildungspolitik sein, sondern bedarf größerer Anstrengungen als bisher, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein. Der Einsatz von mehr Mitteln zum Erhalt und Ausbau des hohen österreichischen Qualifikationsniveaus ist auch als Vorbereitungsmaßnahme auf die Osterweiterung der Europäischen Union notwendig.

Wir sind bestürzt darüber, wie genau sich unsere Voraussagen über die Entwicklung der Fachkräfteproblematik erfüllt haben. All die von uns hier angeführten Ursachen haben einen Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet. Die einseitige Forderung nach einer verstärkten Öffnung des Arbeitsmarktes für ausländische Arbeitskräfte ist - gemeinsam mit der angepeilten Saisonierregelung - jedenfalls eine Maßnahme, die ausschließlich zu Lasten der österreichischen ArbeitnehmerInnen geht und wird daher von uns entschieden abgelehnt.

ÖGB, 6. Mai 2002
Nr. 411

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