Wien reagiert auf Wandel am Arbeitsmarkt

Bis 2007: 85 Prozent aller Jobs im Dienstleistungs- und Informationsbereich

Wien, (OTS) Im Rahmen des Mediengespräches des Bürgermeisters erläuterte Wiens Finanz- und Wirtschaftsstadtrat Dr. Sepp Rieder am Dienstag das Arbeitsprogramm des 2. Wiener Sozialpartnergipfels zur Wirtschafts- und Arbeitsmarktsituation am 3. Mai. Rieder: "Die Zahl der Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft wird in Wien bis 2007 um fast 15.000 zunehmen. Dazu kommt ein Zuwachs bei Selbstständigen und Freiberuflern von nochmals 10.000 bis 15.000. Gleichzeitig wird Wien noch mehr als heute ein Dienstleistungszentrum sein: 85 Prozent aller Wienerinnen und Wiener werden dann nämlich im Dienstleistungs- bzw. Informationssektor arbeiten." Diese Zahlen stammen, so Rieder, aus einer aktuellen Studie des WIFO über die Entwicklung an Fachkräften in Wien, deren ersten Ergebnisse ebenfalls am Sozialpartnergipfel präsentiert werden.

Weiteres Merkmal der künftigen Entwicklung in Wien sei, so Rieder, ein stark steigender Bedarf an Fachkräften. So werde der Bedarf an Fachkräften mit höherer und mittlerer Qualifikation bis 2007 um 18.000, an Beschäftigten in
akademischen Berufen um 12.000 und an Führungskräften um 7000 steigen. Rieder: "Diese an sich positive Entwicklung verlangt jedoch schon jetzt nach umfassenden, flexiblen und innovativen Ausbildungs-und Qualifizierungsmaßnahmen, besonders auch im Bereich der Lehrberufe in technischen Bereichen, etwa dem IT-Bereich. Gleichzeitig werden einige klassische Lehrberufe aber an Bedeutung verlieren. Darauf muss man die jungen Menschen schon heute hinweisen und entsprechende Alternativen anbieten".

Wien habe die Vorzeichen der Konjunktureintrübung und der damit verbundenen Probleme am Arbeitsmarkt schon im Vorjahr erkannt und entsprechend vorgesorgt. "Wir haben dies sowohl budgetmäßig getan als auch durch ein zusätzliches Konjunkturpaket in Höhe von 72 Mio. Euro, beschlossen im Februar dieses Jahres. Zusätzlich stellte das AMS auf Anregung Wiens vor kurzem rund 7 Mio. Euro für aktive Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung, die Stadt erhöhte diese Summe um 3,3 Mio. Euro.****

Rieder: Keine Gießkannenförderung

Keineswegs, so Rieder, werde es im Ausbildungsbereich jedoch eine undifferenzierte Gießkannenförderung über die Bedürfnisse der Arbeitnehmer und der Wirtschaft hinweg geben. "Wir wissen beispielsweise, dass bestimmte Lehrberufe zwar geringe Ausbildungskosten, aber auch geringe Jobchancen haben. Bei Lehrberufen mit guten Jobchancen, aber hohen Ausbildungskosten, steuern wir mangels Kapazitäten ohne eine Gegenstrategie hingegen auf einen Mangel zu.

Für den Wiener Sozialpartnergipfel werde er, Rieder, deshalb folgende Vorschläge zur Diskussion stellen:

o Gemeinsame Unterstützung von kostenintensiven Ausbildungen

Kostenintensive Ausbildungen mit guten Zukunftschancen (technische Lehrberufe, spezifische Bauberufe, Metallberufe, etc) könnten künftig gemeinsam von öffentlicher Hand (AMS und WAFF) und Wirtschaft gemeinsam unterstützt werden. Voraussetzungen für diese Initiative sind genaue Berufsbilderhebungen, auch in Abstimmung mit vorhandenen und künftigen Clustern in Wien. Damit soll erreicht werden, dass ausschließlich Lehrberufe mit Zukunftschancen von diesem Programm erfasst werden. Ein solches Programm würde überdies der Abstimmung mit Arbeitsminister Bartenstein bedürfen.

o Ausweitung des Angebotes an Fachhochschulen

Das Bildungsangebot an Fachhochschulen sollte durch kürzere Qualifizierungsmodule in technischen Bereichen ergänzt werden. Solche Module könnten auch von Berufstätigen verstärkt genutzt werden.

o Ausbildungs- und Qualifizierungsverbünde

Wien hat gute Erfahrungen mit Qualifizierungsverbünden, etwa in der Telekomindustrie, gemacht. Diese sollten weiter ausgebaut werden, sowohl in der Lehrlingsausbildung als auch bei betrieblichen Aus- und Fortbildungsmaßnahmen. Von der öffentlichen Hand sind dabei erfahrungsgemäß nur Anstoßfinanzierung, Beratungs- und Moderationsunterstützung zu leisten, die Ausbildungsgänge selbst können und sollten von den Unternehmen finanziert werden.

o Hilfe für junge Unternehmen, die ausbilden wollen

Gerade in der zukunftsträchtigen IT-Branche verfügen junge Kleinunternehmen selten über die finanziellen und organisatorischen Ressourcen, um Ausbildungsprogramme anzubieten. Hier sollen gemeinsam mit den Sozialpartnern Lösungen erarbeitet werden.

o Ausbildungssituation als Kriterium bei öffentlichen Vergaben

Die Stadt Wien wird prüfen, inwiefern Ausbildungsleistungen von Unternehmen als Kriterium für die Ermittlung von Bestbietern herangezogen werden können, und ob dies mit geltenden Vergabevorschriften in Einklang zu bringen ist.

o Einberufung einer Regionalkonferenz Wien-NÖ-Burgenland

Mehr als 200.000 Menschen pendeln täglich nach Wien ein. Wien ist die Region mit dem größten überregionalen Arbeitsplatzangebot Österreichs. Daher sollten die Arbeitsprogramme des AMS Wien, Niederösterreich und Burgenland und darüber hinaus gehende arbeitsmarktorientierte Sozialprogramme aufeinander abgestimmt werden. In weiterer Folge sollte hier auch die gemeinsame Vorbereitungsstrategie zur Osterweiterung formuliert werden.

WIFO: Dienstleistungen boomen, öffentlicher Bereich geht zurück

Laut WIFO werden in Wien bis 2007 vor allem die unternehmensnahen Dienstleistungen und Leistungen im Gesundheits- und Sozialwesen zunehmen. Bei den Dienstleistungen prognostiziert das WIFO ein Plus von 26.400 Beschäftigten, im Gesundheits- und Sozialbereich ein Plus von 7000. Expandieren werden weiters "Private Dienste" und das "Gaststättenwesen" mit Zuwächsen von 3.500 bzw. 2.300 Beschäftigten.

Die stärkste Abnahme bis 2007 wird in der Bundeshauptstadt der öffentliche Dienst mit einem Minus von 14.800 Beschäftigten verzeichnen. Rückläufig ist auch das Bauwesen mit minus 5.700 und die Metall- und Elektroindustrie (Sachgüterproduktion) mit minus 5.300.

Entsprechend der weiteren Entwicklung Wiens zum Dienstleistungszentrum ändern sich auch die Ausbildungsschwerpunkte:
Neben einer formalen Ausbildung werden in Zukunft zunehmend Kommunikationsfähigkeit, Kundenkontakt, EDV- und Englischkenntnisse sowie soziale Kompetenz gefragt sein.

Verzögerung der EU-Erweiterung wäre für Wien nachteilig

Auch das WIFO bestätigt wiederum die Vorteile der EU-Osterweiterung für Wien und damit die Ostregion. Die für 2004 geplante Erweiterung wird der Wiener Wirtschaft neue Chancen, besonders im Bereich moderner Dienstleistungen eröffnen. Die EU-Erweiterung wird die Chancen Wiens, als Drehscheibe für Aktivitäten in Ost-Mitteleuropa zu fungieren, weiter erhöhen. Das nützt vor allem dem Großhandel und allen Vermittlungsdiensten. Eine Verzögerung der Erweiterung wäre deshalb für Wien nachteilig. Gleichzeitig werden aber die arbeitsintensiven Gewerbezweige verstärkt unter Druck kommen. (Schluss) nk

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