"Die Presse" Kommentar: "Österreich, gut gerüstet?" (von Heinz Müller)

Ausgabe vom 30.4.2002

Wien (OTS) Höflich sind sie, die Polizisten einer Kleinstadt in Ostösterreich:
Jedes Mal, wenn sie die Gewehre des Jägers X kontrollieren wollen, rufen sie an. Ob der Termin recht sei, fragen sie - und ermahnen Herrn X., die Waffen ordnungsgemäß zu versperren.
Herr X weiß das: Er ist einer von den braven Waffenbesitzern. Einer, der die Gewehre legal erworben hat, sie stets versperrt und den Schlüssel zum Schrank so aufbewahrt, daß niemand anderer Zugang hat. Einer von vielen Braven, gewiß. Mehr als 300.000 Österreicher - so die offiziellen Zahlen - haben mindestens eine Waffe zu Hause; insgesamt werden mehr als zwei Millionen Pistolen, Revolver und Gewehre in den österreichischen Haushalten vermutet - legal oder illegal.
Das Blutbad von Erfurt mit seinen 17 Toten hat nun gezeigt, was man mit ein, zwei derartigen Waffen anrichten kann: Da besitzt ein 19jähriger völlig legal eine Pumpgun. Ist Mitglied des Schützenvereins, nennt eine Pistole sein eigen, versteckt Munition in der Schule.
Ein Einzelfall? Wohl nicht, wenn man an all die anderen Dramen zurückdenkt: Die toten Gemeinderäte in Paris, die erschossenen Abgeordneten in der Schweiz. Tote Schüler in England, Amerika - und die dahingemetzelten Lehrer in Niederösterreich.
Schon vergessen, welche Schwierigkeiten die österreichische Exekutive 1995 hatte, als man Pumpguns verbot und die Bevölkerung aufrief, die Waffen abzugeben? Nur jedes zehnte Stück, so schätzt man, wurde damals zurückgebracht; 30.000 Pumguns sind noch im Umlauf. Sie lagern in Kellern, auf Dachböden, in Kästen, die illegalen Waffen. Ob Großvaters Stutzen, die Kalaschnikows aus den Balkankriegen oder besagte Pumpguns. Ein ähnliches Drama wie am Freitag in Erfurt ist jederzeit auch in Österreich möglich.
Wenn deutsche Politiker in Sachen Waffengesetz nun Österreich als Vorbild hinstellen, dann darf dies keinesfalls eines bewirken: Daß man sich hierzulande zurücklehnt.
Man wird die heimischen Waffengesetze vielleicht gar nicht verschärfen müssen - doch der Ruf nach einer besseren Überwachung wird wohl noch erlaubt sein: Damit Herr X nicht mehr vor jeder Kontrolle gewarnt wird.

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