"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die toten Seelen" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 29. 4. 2002

Innsbruck (OTS) - Der offizielle Trauerakt für die 800 Spiegelgrund-Opfer war beschämend und notwendig zugleich. Nach den Jahrzehnten der gezielten Verdrängung wurden nun wenigstens die Überreste der ermordeten Kinder der Wiener NS-Euthanasieanstalt begraben.
Die Kinder wurden ermordet, weil sie von einem menschenverachtenden Regime als "unwertes Leben" betrachtet worden sind. Und ihre sterblichen Überreste wurden noch nach 1945 für wissenschaftliche Zwecke missbraucht.

Mit dem Begräbnis der toten Seelen kann das Kapitel nicht abgeschlossen werden. Versinnbildlichen doch die Ereignisse "Am Spiegelgrund" und ihre Folgen auf exemplarische Weise den lange Zeit verlogenen Umgang Österreichs mit seiner Vergangenheit. Weisen sie doch auf die vielen "braunen Flecken" hin. Von den wissenschaftlichen Karrieren, die mit der Forschung an Opfern von NS-Verbrechen erzielt worden sind, bis hin zum schlampigen Umgang mit der Vergangenheit in den Parteien.

Man muss sich das immer wieder vor Augen führen: Schon vor über 20 Jahren haben etwa die couragierten Ärzte Werner Vogt und Karl Nemec auf die Rolle des NS-Psychiaters Heinrich Gross lautstark hingewiesen. Jenes Gross also, der während der Nazizeit "Am Spiegelgrund" seine tödliche Arbeit verrichtete. Nach dem Krieg wurde Gross SPÖ-Mitglied und machte unter der schützenden Hand der Partei als Gerichtsgutachter und Universitätsprofessor Karriere. Während die so genannten Nestbeschmutzer von zahlreichen ihrer Medizinerkollegen denunziert worden sind, wurde Gross im Namen der Republik ausgezeichnet. Erst im Jahre 2000 wurde er vor Gericht gestellt. Ein halbes Jahr später musste der Mordprozess wegen angeblicher Verhandlungsunfähigkeit bereits unterbrochen werden. Bis zum heutigen Tag.

Der gestrige Trauerakt war also notwendig, aber auch beschämend zugleich.

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