DER STANDARD-Bericht: "Front gegen Postbus-Zerteilung" - Erscheinungstag 27.4.2002

Wien (OTS) - Die Postgewerkschaft droht mit Streik, wenn der
Postbus filetiert wird. Auch die ÖBB will einen um 30 Prozent verkleinerten Postbus nicht kaufen. Der Finanzminister stellt eine "feine österreichische Lösung" in Aussicht.

Die Front gegen die von Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Infrastrukturminister Mathias Reichhold geplante "große österreichische Buslösung" formiert sich. Insbesondere das Vorhaben, den vor knapp zwei Jahren von der Post abgetrennten und nun unter ÖIAG-Flagge auf Restrukturierungskurs fahrenden Postbus um knapp 120 Millionen Euro an die ÖBB zu verkaufen, stößt auf Kritik. Denn unmittelbar danach sollen 25 bis 30 Prozent der defizitären Busflotte abgetrennt und an private Busgesellschaften weiterverkauft werden.

Wie aus dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) durchsickerte, hat der ÖGB den Post- und Fernmeldebediensteten bereits die Genehmigung erteilt, gegebenenfalls zu streiken, ein entsprechender Beschluss liege vor. "Unsere Busse stehen still, wenn ÖBB-Chef Rüdiger vorm Walde nicht garantiert, dass der Postbus mindestens fünf Jahre vor und nach der Überleitung von der ÖIAG zur ÖBB nicht filetiert wird", droht Postbus-Betriebsratschef Robert Wurm. Es komme nicht infrage, dass sich Private 20 bis 30 Prozent des Liniengutes herausreißen und nur die defizitären Teile bei der Bahn verbleiben würden. Auch das Arbeits- und Sozialrecht müsse eins zu eins übernommen werden, Kündigungen seien ausgeschlossen.

Wie vom Standard berichtet, laufen private Postbus- Konkurrenten wie Blaguss, Dr. Richard und die Welser Sab-Tours gegen die Fusion von Post- und Bahnbus Sturm. Ein Gutachten des ehemaligen FP-Klubobmanns Norbert Gugerbauer attestiert, dass die Busfusion eine marktbeherrschende Stellung zusätzlich verstärken würde. In manchen Regionen, z. B. in der Ostregion und in Oberösterreich, käme der

"Postbahnbus" auf 80 bis 90 Prozent Marktanteil. Isoliert betrachtet, müsste die Fusion verboten werden, sagte Gugerbauer.

An einem "abgeschirrten" Postbus wiederum hat die ÖBB wenig Freude, schließlich seien ohnehin nur rund 50 Prozent der 1600 Busse umfassenden gelben Buslinie rentabel, heißt es bei der Bahn. Gewinne erwirtschaften derzeit gar nur rund 30 Prozent der insgesamt rund 700 Postbuslinien.

"Kaufen keine Restln"

Für ÖBB-Gewerkschaftschef Wilhelm Haberzettl kommt ein filetierter Postbus "sicher nicht" in die ÖBB-Garagen: "Wir kaufen keine Restln, wir sind ja nicht die Idioten der Republik", poltert er. Gegen diesen "abenteuerlichen Deal" werde man massiv ankämpfen.

Der Finanzminister lässt sich nicht mehr als ein "im Mai wird eine feine österreichische Buslösung präsentiert" entlocken. Die Grünen argwöhnen, dass die FPÖ mit der geplanten Abtrennung profitabler Bereiche offenbar "wieder einmal ihre Klientel bedienen will".

Besonders zugeknöpft gibt sich der Postbus-Verkäufer, ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis. Auf die Frage, warum er beim Verkauf des Postbusses nicht eine Bedingung für dessen Weiterbestand knüpfe, sagte Michaelis: Das sei eine Angelegenheit der ÖBB und liege nicht im Einflussbereich der ÖIAG.

Gravierende Auswirkungen dürfte die Zersplitterung des Postbusses übrigens für die Verkehrsverbünde haben, ist der Postbus für rund 700 Gemeinden und rund zwei Millionen Österreicher doch die einzige öffentliche Verkehrsanbindung. "Nimmt man dem Postbus die rentablen Linien weg, können unrentable wie jene im Waldviertel nicht mehr quersubventioniert werden", argumentiert Postbus-Chefin Wilhelmine Goldmann. Private Busfirmen würden dorthin sicher nicht fahren.

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