"Die Presse" Kommentar: "Rettet die Unis" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 27.4.2002

Die Frauen und Männer an den Universitäten gehören zu den begabtesten Menschen in Österreich. Sie können auch komplizierte Dinge erklären. Nur in eigener Sache gelingt ihnen das überhaupt nicht. Der seit Monaten brodelnde Unmut kann niemanden außerhalb der Universitäten davon überzeugen, daß die geplanten Reformen des Teufels sind.
Nicht einmal das nur schaumgebremste Engagement von Bildungsministerin oder gar Koalition bei der Erklärung der Reform-Vorteile hilft den murrenden Uni-Menschen. Zu sehr spürt der Rest des Landes, daß an unseren Universitäten etwas nicht stimmt:
Rekorddauer der Studien, Rekordkosten - und dennoch ist seit vielen Jahrzehnten mit einer einzigen Ausnahme kein Absolvent unserer teuersten Ausbildungs-Institutionen auch nur gerüchteweise in die Nähe eines Nobelpreises gekommen.
Die Kritik an der Reform ist viel zu widersprüchlich. Wird doch oft in einem Atemzug behauptet, daß sowohl die Freiheit der Wissenschaft wie auch die Mitbestimmung der Studenten bedroht und zu verteidigen sei. Auch kontrastieren die lautstarken "Rettet-die-Demokratie"-Rufe mit der Wahlabstinenz der meisten Studenten.
Dennoch ist die Sorge legitim: Ist die Reform richtig? Freilich nicht wegen der von Gewerk- und Hochschülerschaft geäußerten Argumente, sondern weil die Reform - wie so manche Gesetze der letzten Jahre - eher zu zaghaft ist. Die schwierigsten Fragen sind unbeantwortet:
Wie wird objektiv die Leistung eines Professors, eines Dozenten oder Assistenten gemessen? Wie wird sichergestellt, daß freies, im positiven Sinn Zweck-loses Forschen auch in scheinbaren Orchideen-Disziplinen stattfinden kann? Wie trifft man aber vor allem die Entscheidung, welchen Menschen und welchen Disziplinen das teure Privileg der freien Forschung ermöglicht wird (das ja nie allen finanziert werden kann)?
Es wäre vielleicht durchaus sinnvoll, die Uni ganz selbständig, ganz ohne Räte und Steuerung werken zu lassen. Dann aber müssen klare Leistungskriterien aufgestellt werden, nach denen die Steuergelder zugeteilt werden. Dann kann es dort, wo eine Uni die Leistung nicht erbringt, kein Steuergeld geben. Meßinstrumente wären etwa die Zahl der Publikationen in anerkannten internationalen Zeitschriften, die Zahl der renommierten Preise, die Auslandsberufungen von Absolventen der jeweiligen Institute, die (von Dritten bewertete) Qualität der Absolventen, die von Absolventen erreichten Jobs, die akquirierten Partnerschaften eines Instituts oder die einer bestimmten Uni zugedachten (von der Steuer absetzbaren) Spenden.
Wofür es bei aller Freiheit kein Geld geben kann: für Massenandrang auf Studienrichtungen, die vom Arbeitsmarkt nicht nachgefragt werden; für die Mitbestimmung der Studenten bei Berufungen und der Fixierung von Leistungsanforderungen; für Professoren, die nie außerhalb der eigenen Uni und des eigenen Landes Karriere machen; für Massen-Lehrveranstaltungen; für Professoren, welche die längste Zeit lukrativen Nebenjobs widmen; für pragmatisiertes Mittelmaß; wenn Studenten mangels Praktika-Plätzen oder Prüfungsterminen oder Diplomarbeits-Begutachtungen Zeit verlieren.
Diese Maßstäbe in nachvollziehbare Regeln zu gießen ist gewiß schwierig. Ob freilich Rektoren und Uni-Räte jene Kulturrevolution, um die sich der Gesetzgeber drückt, besser schaffen werden?
Wer auch immer es tut: Nur mit Maßnahmen dieser Art kann die Qualität unserer Hochschulen wiederhergestellt, die Zukunft unseres Wohlstands gesichert werden. Oder muß das Land auf die schon aufgezogenen Reserveregimenter der Privat-Unis, Fachhochschulen und privaten Forschungs-Institutionen warten?

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