"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Vertrauenskrise" (Von Floo Weissmann)

Ausgabe vom 26. 4. 2002

Innsbruck (OTS) - Die US-Kardinäle haben die Flucht nach vorne angetreten, um ihr Image zu reparieren. Ab sofort sollen in Sachen sexueller Missbrauch von Kindern Transparenz und Null-Toleranz herrschen. Ein bemerkenswerter Schritt. Hierzulande ist Kardinal Groer nach schweren Vorwürfen einfach in der Versenkung verschwunden.

Auch das Vorgehen der US-Hirten wirft jedoch Zweifel auf, wie tief die Einsicht reicht. Die Kardinäle brauchten drei Tage in Rom, um Selbstverständliches festzustellen: Dass der Missbrauch von Kindern erstens Sünde vor Gott und zweitens ein Verbrechen ist, das von Gerichten geahndet gehört. Ihre Erklärung drückt Bedauern aus. Zu Reue oder der Bitte um Vergebung - sonst in der Begriffswelt der Kirche fest verankert - konnten sie sich nicht durchringen, genauso wenig wie zu persönlichen Konsequenzen. Und warum spielt es eine Rolle, ob ein Priester "wiederholt" gesündigt hat? Einmal muss einmal zuviel sein, oder nicht?

Einen schalen Nachgeschmack hinterlässt auch, dass die Oberhirten von sich aus wohl nicht aktiv geworden wären. Der Druck der Öffentlichkeit nach immer neuen Enthüllungen und Berichte über Geldsorgen der Kirche als Folge haben die Kirchenoberen zum Handeln veranlasst. Der greise Papst war der als liberal geltenden US-Kirche in dieser Frage an Klarheit voraus. Zuvor war offenbar der Ruf der Kirche wichtiger als der Schutz der Jugendlichen vor pädophilen Priestern. Letztere mussten bis vor kurzem nur Versetzung fürchten.

Zurück bleibt eine Vertrauenskrise. Gerade eine Institution, die ihren Mitgliedern strenge sittliche Regeln predigt, hat es bei ihren Repräsentanten nicht so genau genommen. Sie fällt damit auch der Masse der Priester und engagierten Laien in den Rücken, die aus tiefem Glauben wertvolle Arbeit leisten und sich um Erneuerung bemühen. Die Flucht nach vorne der US-Kardinäle kann nur ein Anfang sein und ein Beispiel für andere Länder, die Verkrustung aufzubrechen und die Kirche wieder näher zu den Menschen bringen.

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