DER STANDARD-Kommentar: "Gusenbauer unter Druck: Die SPÖ führt eine Debatte, zum Vorsitzenden gibt es aber - noch - keine Alternative"

(von Michael Völker) - Erscheinungstag 26.4.2002

Wien (OTS) - Alfred Gusenbauer ist ein blitzgescheiter Mann. Sagen diejenigen, die ihn besser kennen. Das glauben auch diejenigen gerne, die ihn nicht so gut kennen. Aber reicht das aus, um die SPÖ als Spitzenkandidat erfolgreich in die nächste Wahlauseinandersetzung zu führen?

In der Partei scheint man sich darüber nicht ganz im Klaren zu sein. Etliche Funktionäre hadern mit ihrem Vorsitzenden. Auch wenn nach wie vor die offizielle Sprachregelung gilt: Gusenbauer bleibt Spitzenkandidat. Die Obmann-Debatte schwelt in der SPÖ aber schon lange, neu angefacht wurde sie in einem Standard-Interview von der Salzburger SP-Vorsitzenden Gabi Burgstaller - ausgerechnet und bezeichnenderweise eine Vertraute Gusenbauers. Michael Häupl, der mächtige Wiener Vorsitzende, ausgestattet mit einer komfortablen und überzeugenden Mehrheit, hat sich dann genüsslich draufgesetzt.

Dem SPÖ-Vorsitzenden wird für die Nationalratswahl ein Team von Spitzenkandidaten, jedenfalls aber eine Verbreiterung der Parteispitze vorgeschlagen. Was darauf schließen lässt, dass die derzeitige Parteispitze in Person von Gusenbauer als Schwäche empfunden wird.

Alfred Gusenbauer war nicht der Wunschkandidat der Partei, er war die Alternative im Flügelstreit zwischen Caspar Einem und Karl Schlögl. Er galt bis dahin als Aparatschik, als Berufsfunktionär, der nicht besonders aufgefallen ist. So gesehen hat Gusenbauer in den zwei Jahren, die er die Partei bereits anführt, erstaunlich viel Profil entwickeln können. Auch wenn die Regierungsparteien meinen, Gusenbauer möge ihnen noch möglichst lange erhalten bleiben.

Die Debatte um den Vorsitzenden ist für die SPÖ symptomatisch: An der Spitze ist die Luft dünn, und es gibt in der Partei kaum Persönlichkeiten, die sie dort mit Gusenbauer teilen mögen. Oder können. Dass das lange angekündigte Schattenkabinett, fröhlich-zynisch auch als Kabinett des Lichts bezeichnet, noch nicht präsentiert wurde, liegt weniger am "Selbstschutz" für die Kandidaten, wie Gusenbauer behauptet, sondern daran, dass überzeugende Köpfe einfach nicht in Sicht sind.

In einer solchen Situation lässt sich Michael Häupl gerne ins Spiel bringen. In Wien hat er nichts mehr zu gewinnen, die 47 Prozent der letzten Gemeindesratswahl sind kaum zu überbieten. Eine gewichtige Aufgabe im Bund wäre also eine schöne Option. Was dagegen spricht: Da müsste er etwas "hackeln", wie es in Wien heißt und in der Bundespartei ätzend kolportiert wird. Das zweite Problem: Häupl ist der Inbegriff eines Wiener Fiakers. Das kommt schon in der Bundeshauptstadt nicht bei allen so gut an, ab Amstetten sollen Häupls Werte aber regelrecht in den Keller fallen. Auch das erzählt man sich gerne in der Löwelstraße. Von jemandem wie Gusenbauer, dem nur 24 Prozent der Österreicher zutrauen, einen Bundeskanzler abzugeben, und nur 14 Prozent ihn tatsächlich als Kanzler wollen, wäre das aber ein schlechtes Argument.

Dennoch wird die SPÖ mit Alfred Gusenbauer als Spitzenkandidat in die kommende Wahlauseinandersetzung ziehen - wen auch immer er sonst noch als Team um sich scharen wird. Es gibt derzeit keine Alternative. Die Zeit, den Vorsitzenden auszutauschen oder auch nur einen neuen Spitzenkandidaten zu installieren, ist bereits zu kurz.

Vom Wahlergebnis wird abhängen, ob Gusenbauer politisch überlebt. Eine rot-grüne Mehrheit würde ihn ins Bundeskanzleramt hieven und wohl jede Diskussion beenden. Derzeit schaut es aber so aus, als ob sich diese Mehrheitsbildung knapp nicht ausgehen könnte. Wenn dann auch die Gespräche mit der ÖVP scheitern, was in der derzeitigen Konstellation als sicher angesehen werden kann, müsste ein anderer einspringen. Gute Verbindungen zur ÖVP, etwa zu Erwin Pröll oder Ernst Strasser, werden Bedingung sein. Dann - und erst dann - schlägt die Stunde des Michael Häupl, der diese Achse längst gut geschmiert hat.

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