"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die Inszenierung" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 25. 4. 2002

Innsbruck (OTS) - Vom "Jahrhundertprojekt" bis hin zum bekannten "Meilenstein" war wieder einmal die Rede. Als am gestrigen Mittwoch der hochoffizielle Baubescheid für die schon mehrmals totgesagte Unterinntaltrasse erteilt wurde, waren sich die politischen Verantwortungsträger einig: Eine Zäsur in der Verkehrspolitik sei erreicht worden.

Bei all der positiven Stimmung, die da verströmt worden ist, will man nur ganz schüchtern fragen, ob die großen Worte ihren Wert noch haben. Was haben wir denn nicht alles schon gehört. Von LH Alois Partl über die Schar der wechselnden Verkehrsminister bis hin zu LH Wendelin Weingartner. Wenn diese großen Worte Gewicht gehabt hätten, dann wäre der Brennerbasis-Tunnel schon im Betrieb, im Inntal hätte sich die Anzahl der Lkw-Fahrten dramatisch reduziert und Europa hätte die Verkehrspolitik Österreichs übernommen: Gekonnt wurden in der Vergangenheit Verträge unterzeichnet, Memoranden verabschiedet, große Aufmärsche für Probebohrungen inszeniert. Doch der Lkw-Verkehr stieg derweil weiter kräftig an.

Auch wenn die Hartnäckigkeit, mit der von Tirol aus das Projekt Unterinntalbahn verfolgt worden ist, von Erfolg gekrönt sein wird, bedarf es Zurückhaltung. Selbst wenn der Fahrplan stimmt, und die ersten Züge im Jahre 2008 im Tunnel verschwinden, werden die Lkw auf der Autobahn bleiben. Die neue Bahn kann im besten Fall nur die Zuwachsraten im Lkw-Transit übernehmen. Zugegeben, auch das ist wichtig, aber die heute bekannte Transitlast auf der Autobahn bleibt bestehen. Zudem ist die Unterinntalbahn nur ein Teilstück für die neue Trasse von München nach Verona. Für den vielbeschworenen Brennerbasis-Tunnel samt Zulaufstecken gibt es nur Willenserklärungen, aber keine Finanzierungszusagen. So gesehen kann man sich über den Baubescheid mitunter freuen. Doch daraus eine Wende in der Verkehrspolitik abzulesen, wäre dann doch sehr kühn.

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