WirtschaftsBlatt-Kommentar: Unternehmenskultur oder Schlamperei - von Martin Fellhuber

Wien (OTS) - Tabula rasa war das Motto der Lenzing-Aufsichtsratssitzung am Montag: Der Aufsichtsrat teilte mit, dass der bisherige Vorstandssprecher Jochen Werz fristlos seiner Funktionen enthoben sei. Er habe den Aufsichtsrat unzureichend informiert und Vorstandsbeschlüsse nicht umgesetzt. Kein Wenn und Aber, kein Gespräch mit dem geschassten Vorstand, punktum.

Für österreichische Verhältnisse ein ungewohnt scharfer Kurs, zudem sich der Schaden in Grenzen halten soll. Auf den ersten Blick zeichnet sich der Aufsichtsrat nicht durch übertriebene Unternehmenskultur aus. Die Begründung klingt gekränkt: Egal, ob der Top-Manager seinen Job gut macht wenn er das Gremium schlecht informiert, muss er gehen.

Bisher wurden solche Fälle in österreichischer Manier eher in Ruhe und mit Anstand gelöst. Ist der Schaden nicht zu gross, trennt man sich einvernehmlich. Oder der Manager ist "ein bisschen schuld". Eine weitere Variante: Er kommt mit der neuen Unternehmensstrategie nicht zurecht. Beispiele für einen relativ sang- und klanglosen Abschied gibt es mehr als genug. In weniger tragischen Fällen versüsst die Unternehmensspitze den Abgang mit einem Konsulentenvertrag. Bisweilen wurden solche Fälle unter
den Tisch gekehrt was auch nicht gerade der ideale Weg ist. Allerdings muss man fair bleiben: Bei Libro hat der Aufsichtsrat zu lange zugeschaut, ohne etwas zu machen. Das Ergebnis war eine Finanzmisere ersten Ranges, wofür auch der Aufsichtsrat nicht zu Unrecht in den Medien kritisiert wurde. "Aufsichtsrat" bedeutet, den Vorstand zu beaufsichtigen. Verhält sich dieser wie ein störrisches Kind, muss er an die Kandare genommen oder eben abgelöst werden.

Wie man's macht, ist es demnach falsch. Der "schlampige österreichische Weg" wird ebenso wenig goutiert wie die rasche und saubere Trennung. Oder gibt es vielleicht einen Mittelweg? Auch wenn die Trennung prompt erfolgen muss, sind Grundregeln einzuhalten schon in Hinblick auf die Mitarbeiter. Diese können damit rechnen, dass mit ihnen vielleicht einmal ähnlich verfahren wird. Das ist wenig motivierend. Es sollten daher Fakten auf den Tisch gelegt und betroffene Personen ebenso umfassend informiert werden wie Anleger.

Andernfalls handelt sich eine Unternehmensführung rasch den Ruf ein, aus Eitelkeit und Trotz entschieden zu haben. (Schluss) mf

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