Herzl-Symposion: Zwischen Religion und Nation

Ben-Sasson: "Wir sind nicht dazu verdammt, uns zu hassen"

Wien, (OTS) Der zweite Tag des 4.Internationalen Theodor-Herzl Symposions stand unter dem Motto "Blicke zurück -Blicke in die Gegenwart". Die Vorträge widmeten sich den Beziehungen zwischen den in der Diaspora lebenden Juden und der mehrheitlichen Bevölkerung. Neben der Geschichte der deutschen Juden wurde auch die Situation in (post)- kommunistischen Ländern erörtert. Als "Problem of the Millenium" bezeichnete Menachem Ben-Sasson in seinem Vortrag das Verhältnis zwischen Moslems und Juden.

Koexistenz im "finsteren Mittelalter"

Der an der hebräischen Universität Jerusalem lehrende Professor Menachem Ben-Sasson brachte dem Publikum seine Erkenntnisse zur gemeinsamen Geschichte von Juden und Moslems näher. Sein Blick zurück führte bis in die Entstehungszeit des Islams, als das Zusammenleben der beiden Religionen noch nicht von nationalen Elementen geprägt war. Selbst im "finsteren Mittelalter" lebten alle drei monotheistischen Weltreligionen über weite Strecken in friedlicher Koexistenz, so Ben-Sasson.

Zu dieser Zeit hätten die religiösen und weltlichen Führer im Nahen Osten erkannt, dass ein gesellschaftliches Netzwerk nur dann funktioniere, wenn Minderheiten auch unter den hegemonialen Bedingungen, in denen sie sich bewegen, ihre Freiheiten haben. Ben-Sasson sprach in diesem Zusammenhang von einem "freien Nationalismus".

Das Wort Gottes im Wandel der Zeit

Religion wird laut Ben-Sasson dann zum Konfliktfaktor, wenn stark traditionell denkende Gesellschaften den Kontext der Zeit ausklammern. Wird die Schrift Gottes wörtlich ausgelegt, ohne gesellschaftliche Veränderungen zu berücksichtigen, komme es zu einer Verhärtung der Fronten, da in dieser Lesart sowohl die Bibel als auch der Koran Krieg gebieten. Der Gläubige habe dann die Pflicht, "Ungläubigen" die "wahre" Botschaft aufzuzwingen, beziehungsweise heiliges Land zu verteidigen.

Beide Religionen, Judentum und Islam, sähen die Welt heute als eine, nämlich ihre Einheit vom Anfang der Geschichte bis zum Ende aller Tage. Die Elemente Zeit, Raum, Text und Mensch würden nicht weiter differenziert. Ein Fortschritt und eine Koexistenz seien jedoch nur möglich, wenn man sich die Mühe mache, das Wort Gottes differenzierter und kontextgebunden zu betrachten. Dazu sei eine fundierte philosophische Betrachtung erforderlich.

Ohne näher auf die gegenwärtige Nahost-Situation einzugehen, erinnerte der Historiker daran, dass es heute in erster Linie um Ressourcen-Fragen gehe, bei aller Bedeutung, die die Religion in diesem Konflikt spiele.
Religion sei ein "Problem, dass man lösen kann", "Wir sind nicht dazu verdammt, uns zu hassen".

Das Symposion dauert noch bis 11.April.

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