WirtschaftsBlatt-Kommentar: Deutschland streikt von Ruth Reitmeier

Wien (OTS) - Die IG Metall hat angekündigt, ihre Warnstreiks in
den kommenden Wochen stark auszudehnen. Und wenn das nichts nützt, dann wird eben ab 20. April richtig gestreikt. Die Metaller gehen mit der Forderung von 6,5 Prozent (!) Lohnerhöhung in die Tarifverhandlungen. Dass das völlig überzogen ist, denken wohl nicht nur die deutschen Arbeitgeber. Sie wirken seltsam, diese überholten Rituale der Tarifpolitik: Die Gewerkschaftsbosse lassen es noch offen, ob der Sommer 2002 ein "Streiksommer" wird. Das Angebot der Arbeitgeber auf zwei Prozent Lohnerhöhung sei eine "Frechheit". Diese Rhetorik passt nicht in eine Zeit, wo die deutsche Konjunktur lahmt, die öffentliche Hand kracht und mehr als vier Millionen keinen Job haben. Wo leben die deutschen Metaller - auf dem Mond?

Das war der erste Blick auf die aktuelle deutsche Tarifrunde. Da sind die Guten die Bosse und die Bösen die Genossen. Auf den zweiten Blick sieht die Sache etwas anders aus. Zunächst für den Hintergrund:
Tarifverhandlungen laufen in Deutschland in diesem Stil ab. Das hat Tradition. Ob das zeitgemäss ist, darüber lässt sich streiten. Investoren könnten abgeschreckt werden, wenn ein Land alle Jahre wieder über mehrere Wochen im Arbeitskampf liegt. Das österreichischen Modell der Sozialpartnerschaft ist zweifellos attraktiver.

Dass die Gewerkschafter heuer besonders hoch pokern, hat damit zu tun, dass die Reallohnzuwächse in Deutschland in den vergangenen Jahren mehr als mager waren: Zwischen 1997 und 2001 sind die Reallöhne im Durchschnitt sogar um 0,1 Prozent geschrumpft. In deutschen Betrieben brodelt es an der Basis. Hinzu kommt, dass diesmal eine etwas grosszügigere Lohnrunde volkswirtschaftlich Sinn machen würde. Deutschlands Konjunkturproblem ist die lahme Binnennachfrage. Der Export läuft ohnehin gut. Sogar im Krisenjahr 2001 verzeichnete Deutschland einen Exportzuwachs von 5,5 Prozent. Hingegen hat die Inlandsnachfrage in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich nur um 1,6 Prozent pro Jahr zugelegt. Ökonomen empfehlen deshalb eine Lohnerhöhung von gut drei Prozent. Dann sollte sich die Kauflust wieder regen und die Binnenkonjunktur anspringen. Für den Arbeitsmarkt würde das eine Erholung bedeuten, die aber eine tief greifende Reform nicht ersetzen kann. (Schluss) RR

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