"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Kollaps in Nahost"

(Von Monika Dajc) Ausgabe vom 30. 3. 2002

Innsbruck (OTS) - In der historischen Stunde des Handschlags mit Jasser Arafat vor dem Weißen Haus in Washington zitierte Israels Premier Jitzhak Rabin 1993 biblische Verse: "Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine Zeit: Eine Zeit zum Steinewerfen; eine Zeit zum Steinesammeln. Eine Zeit zu lieben, eine Zeit zu hassen. Eine Zeit des Krieges, eine Zeit des Friedens." Versäumte Chancen, vergebliche Appelle. Blut und militärische Gewalt prägen diese Ostertage im Heiligen Land. Schlimmer noch: Für den gesamten Nahen Osten besteht die Gefahr einer erneuten Explosion mit kaum absehbaren Folgen. Jene wenigen Jahre, in denen Israel und die Palästinenser ernsthaft über Frieden verhandelten, muten wie ein kurzer Traum an. Eine Minderheit auf beiden Seiten wollte und will die Aussöhnung nicht. Religiöser Fanatismus wirkt als politischer Sprengstoff, stellt den Kampf um Symbole und heilige Stätten in den Mittelpunkt permanenter Konfrontation. Führende Politiker auf beiden Seiten haben versagt. Die Leute um Arafat sind nach vielversprechenden Ansätzen nie wirklich aus dem Zwielicht von Terror-Cliquen herausgekommen. Likud-Regierungschefs ließen es an historischer Größe fehlen, in Denkkategorien der Koexistenz vorzudringen. Der Graben des Misstrauens wurde noch tiefer. Psychologischen Barrieren, durch Generationen hindurch gefestigte Feindbilder sind geblieben. Heute steht die Welt im Banne von Szenen, die man eigentlich nicht nochmals erleben wollte. Anfang der achtziger-Jahre konnte Arafat nur mit Mühe dem militärischen Druck Israels im Libanon entkommen. Heute wie damals steht der Palästinenser im Visier von Ariel Sharon. Die Animosität zwischen beiden verstärkt die Dynamik von Hass und Gewalt. Israels Regierung mag sich kurz- und mittelfristig von der Großoffensive in den Palästinensergebieten Erfolg versprechen. Schon jetzt aber steht fest, die Lösung kann nicht in einem militärischen Diktat liegen. Shimon Peres hatte bei den Verhandlungen hehre Vorsätze: "Beide Seiten müssen lernen, sich gegenseitig als Menschen zu betrachten und zu versuchen, die Bestrebungen, Befürchtungen, Hoffnungen und Ängste kennenzulernen, die jede Seite gegen die andere hegt." Jene Regierung, der auch Peres angehört, setzt heute voll auf Angriff.

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