"Die Presse" Kommentar: "Feuer zu Ostern" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 30.3.2002

Wien (OTS) Es sind Ostern, die nicht so recht froh machen. Nicht, weil sich aus
österreichischer Froschperspektive scheinbar alles nur um zwei Fragen dreht: Ob ein Karikaturist, weil Künstler, alles darf, was er mag; und ob eine Glaubensgemeinschaft die zweite Wange verweigern darf, wenn sie sich verhöhnt fühlt. Der nicht aufkommende Frohsinn liegt auch nicht daran, daß diese Kirche weltweit just vor Ostern in die Schlagzeilen gerückt ist mit Verfehlungen höchster Repräsentanten. Und er liegt nicht so sehr daran, daß der Papst in diesen Tagen ein Bild der Hinfälligkeit und des Leidens bietet, das aber zumindest was die geistige Vitalität betrifft täuscht. Allein, zu leiden hat der Papst in diesen Tagen nicht nur körperlich.
Denn was tatsächlich nicht froh macht, ist vor allem der Zustand des Heiligen Landes. Das tägliche Leiden dort, wo mit der Auferstehung der Quell der Hoffnung liegen sollte. Statt dessen stürzen radikale Palästinenser mit widerwärtig-heimtückischem Massenmord Israel in einen Kriegszustand und ihr eigenes Volk in den Abgrund; und statt dessen schießen Israelis den mühsamen Aufbau einer palästinensischen Selbstverwaltung und damit alles, was Frieden hätte bringen können und nicht gebracht hat, nach dem nahöstlichen Rechtssatz Aug' um Aug' buchstäblich über den Haufen.
In den Tagen, da tatsächlich Krieg ausgebrochen ist in Israel, ist es müßig nach - pardon für diese österliche Assoziation - Henne oder Ei zu fragen, also wer für die Eskalation der letzten Wochen und Monate verantwortlich ist. In Wahrheit müßte man bis zur Entstehung des jüdischen Staates zurückgehen, die Europäer haftbar machen, die mit der Teilung Palästinas ohne weitere Prävention auch den vorhersehbaren jüdisch-arabischen Konflikt fahrlässig in Kauf genommenen haben. Und die Wurzeln dieser abgründigen Feindschaft liegen noch viel tiefer.
Wie gesagt, es ist müßig. Viel wichtiger wäre die Frage: Kann es am Beginn des 21. Jahrhunderts an der Grenze von Orient und Okzident sein, daß die führenden Exponenten zweier verfeindeter, aber geographisch aneinander gebundener, ja miteinander verflochtener Lager, die seit mehr als einem Jahrzehnt nach Möglichkeiten für eine friedliche Koexistenz suchen, kann es also sein, daß die Exponenten so die Kontrolle über sich verlieren, wie das bei Jassir Arafat und Ariel Scharon in den letzten Wochen und Tagen der Fall war?
Der eine, der Palästinenser-Präsident, hat bei allen Verhandlungen nie ehrlich und mit offenen Karten gespielt. Er hat, während er israelischen Politikern die Hand reichte, den Terror seiner Gesinnungsgenossen über Jahre geduldet, ja gefördert und angestachelt - um den Druck aufrechtzuerhalten und mehr herauszuholen, als die zögerlichen Israelis zu geben bereit waren. Seit er nur noch um seine politische Existenz kämpfte, hatte er die Kontrolle über die Radikalen längst verloren.
Der andere, Israels Premier, hat die Palästinenser als Menschen zweiter Klasse behandelt, ihnen nicht getraut, sie provoziert (Besuch auf dem Tempelberg) und in Bulldozer-Manier der Sicherheit Israels alles, auch die dürre Pflanze Frieden, geopfert - ohne dafür ein Quentchen Sicherheit zu ernten, im Gegenteil.
Und jetzt? Das Gelobte Land brennt. In Wahrheit brennt es schlimmer als in allen Nahost-Kriegen bisher - denn die waren, wenn auch Mitauslöser für die jetzige Situation und fraglos blutig, vergleichsweise begrenzte geostrategische Unternehmungen. Der Krieg in Palästina aber, wie er zu Ostern 2002 tobt, ist zu einem alles verzehrenden Feuer geworden, aus dem - anders als beim Osterfeuer -nicht ein Funken Hoffnung auf einen Neuanfang springt. Auch wenn die Osterbotschaft eine ist, die sonst auch für die auswegloseste Lage noch ein Licht spendet.

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