"Die Presse" - Kommentar: "Wirf die Angst weg, Kirche!" von Dietmar Neuwirth

Ausgabe vom 29.3.2002

WIEN (OTS). Für die Absolution sind Einsicht und das aufrichtige Bereuen sündhaften Verhaltens Grundvoraussetzung. Dieses Katechismuswissen kann heute in den Führungsetagen profaner Buchverlage nicht mehr vorausgesetzt werden. Die Herausgabe eines schmalen Bandes mit Karikaturen, in denen Gerhard Haderer das Leben Jesu Christi verulkt, und eine, milde ausgedrückt, wenig geschickte Antwort durch den Verlag auf Kritik daran musste daher zwingend einen Kirchen-Bannspruch nach sich ziehen.
Und so begab es sich, dass die Erzdiözese Wien - mit ihren Schulen, Kindergärten, Aus- und Weiterbildungstätten ein potenter Wirtschaftsfaktor - einen Boykott gegen den Ueberreuter-Verlag verhängte. Genau so hat man sich gerechte Strafen immer schon vorgestellt!
Für Haderer sollten nun Schüler büßen? Eltern, die ihre Kinder in katholische Privatschulen schicken und dafür einen Extra-Obolus zu leisten bereit sind, sollten gewärtigen, dass dort nicht ausschließlich auf die Qualität der Schulbücher sondern auf deren Herkunft geachtet wird? Besser schlechtere Unterrichtsmaterialien als ein Produkt aus einem bestimmten Haus? Fasse es, wer es fassen kann.
Doch Ernst kippt zuweilen ins Lächerliche. 'S ist alles nicht wahr, stellt sich nun heraus. Ueberreuter gibt seit Jahren keine Schulbücher mehr her heraus . . . Professionalität sieht anders aus. Genauso schlecht beraten wie die Erzdiözese in diesem Fall war, genauso schlecht beraten sind Kritiker, die schon im Veröffentlichen dieser Karikaturen die Fundamente der Demokratie in Gefahr sehen. Da ist wohl jede Verhältnismäßigkeit verlorengegangen.
Frappant ist auch das häufige Sich-Verstecken hinter den anderen beiden großen monotheistischen Glaubensgemeinschaften Islam und Judentum, an denen sich, wie gesagt wird, entweder niemand mit Karikaturen zu vergehen wage, oder die eine ähnliche Verächtlichmachung nicht dulden würden. Da schwingt eifersüchtige Bewunderung mit.
Abgesehen von diesen Einwänden sollte jedoch gelten: Freie Bahn für die Kirche und deren Argumente. Gerade in einer Demokratie ist es eine Selbstverständlichkeit, der katholischen Kirche, genauer: deren geweihten Amtsträgern genauso wie jedem Laien, zuzugestehen, sich wozu auch immer zu Wort zu melden. Das hat völlig unabhängig von den kaum wegzudenkenden Leistungen zu gelten, die Christentum und katholische Kirche im speziellen für diese Gesellschaft leisten. Mehr noch: Nach Jahren der Krise wäre der Kirche in Österreich mehr Selbstbewusstsein zu wünschen, nicht zu verwechseln mit Selbstgefälligkeit oder Präpotenz - sich also seiner Stärken bewusst zu sein und gleichzeitig mit derselben Aufmerksamkeit seiner Schwächen.
Wirf die Angst weg, Kirche: Das bedeutet, die ganze Breite katholischer Ausdrucksformen des Glaubens auszuhalten. Nicht hinter jeder Neuerung verbirgt sich Teufelswerk, nicht in jeder Norm ist der Anspruch einer zentralistischen Männerkirche zu finden. Das bedeutet auch, so schwer dies vielleicht im Einzelfall sein mag, sich und andere nicht über die Realitäten hinwegzutäuschen. Dieser Papst wird in den seit Jahrzehnten heiß diskutierten Fragen (Stichworte "Pillen"-Enzyklika, Zölibat, Frauenweihe) keinen Millimeter zurückweichen.
Selbstbewusst, offensiv und daher - wenn es sein muss -schuldbewusst sollte die Hierarchie auch auf das Bekanntwerden sexueller Verfehlungen von Bischöfen und einfachen Priestern reagieren, wie es in diesen Tagen Polen und die USA erschüttert. Nur ein frommer Wunsch? Alles andere ist in einer pluralen Mediengesellschaft kontraproduktiv. Schwerer wiegt, dass es in einem unüberbrückbaren Gegensatz zu den Intentionen des Stifters dieser Kirche steht.
ENDE

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