KURIER-KOMMENTAR: Angst vor der neuen Freiheit

Alfred Payrleitner über Uni-Reform und Proteste wie bei der Post

Wien (OTS) - Mit dem Näherrücken der Universitätsreform steigt der Erregungspegel an den Hohen Schulen. Endlich - denn die Reform bringt tiefe Veränderungen in Selbstverständnis und Organisationsform. Das soll und muss umstritten sein. Doch vorerst scheint es, als würden die akademischen Kritiker des Gehrer-Entwurfes nur Argumente für die Notwendigkeit von Reformen liefern wollen: Unterschiedliche Meinungen von Fakultät zu Fakultät, Rivalität zwischen verschiedenen Standorten, Mitmacher gegen Verweigerer. Wobei sich berechtigte Einwände und Uralt-Phrasen bunt vermischen.

Als markanteste Protestform werden "Dienst nach Vorschrift", Dienststellenversammlungen, Blockaden angekündigt. Wie bei Post und Bundesbahn.

Nun ist der angepeilte Kurs Richtung Autonomie und befristete Leistungsverträge tatsächlich nicht leicht zu erklären. Wenn selbst die Professoren streiten - was sollen Laien davon halten? Zunächst sollte man das Grundproblem begreifen: Bei unerträglich hohen Drop-out-Raten und überlangen Studienzeiten muss das gesamte System effizienter werden. Wenn zumindest 95 Prozent der Studierenden als Zweck ihrer Studierens die Berufsausbildung nennen, so muss man dem durch entsprechende Maßnahmen Rechnung tragen: Bessere Studienplangestaltung, Abstimmung unter den Vortragenden, auch inhaltliche Entrümpelung. Diese Aufgabe steht den künftig autonomen Unis erst bevor; sie soll durch die Leistungsvereinbarungen vorangetrieben werden. Dazu gehört das Anbieten einer neuen Palette akademischer Grade, je nach gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Bedarf. Das hören freilich manche Egomanen unter den Ordinarien gar nicht gern.

Gleichzeitig muss, wegen der Konkurrenz durch Fachhochschulen und ausländische Universitäten, die Qualität gesichert werden. Weshalb Studiengebühren und Numerus clausus langfristig durchaus im Interesse jener liegen, die heute so vehement dagegen protestieren. Beim Vorwurf, dass es zu einer verstärkten politischen Steuerung der Unis kommen würde, geht es vor allem um die Zusammensetzung des geplanten fünfköpfigen Universitätsrates, des mächtigsten Organs. Derzeit sollen zwei Mitglieder vom Uni-Senat, zwei vom Ministerium und ein weiteres einvernehmlich von den vier anderen berufen werden. Das mag zu viel Staat sein - aber ganz ohne Kontrolle der Steuergelder geht es halt auch nicht. Doch hier liegt der Kompromiss schon in der Luft:
Wahrscheinlich ist sie bei der Zahl der Ratsmitglieder "flexibel", signalisierte Elisabeth Gehrer. Die Abschwächung der breiten Mitbestimmung, der verfilzten Gremienuniversität, wird auch von vielen "linken" Professoren ersehnt. Wie ja das ganze Gesetz das Werk rosafarbener josefinischer Sektionschefs in Tateinheit mit einer schwarzen Ministerin ist. Der Rest ist Angst vor der ungewohnten Freiheit, die auch schwierige neue Pflichten bedeutet.

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