Oberösterreichische Nachrichten, Kommentar: "Vom Umgang mit Sündern" w Von Karl Danninger

Hätte Jesus seinem Verräter, Judas Ischariot, nicht verziehen, er hätte ihn vom gemeinsamen Abendmahl vertrieben. Jesus hat es nicht getan, sondern Bedauern für ihn geäußert: Für ihn ) den Verräter S wäre es besser, wenn er nie geboren wäre. Hätte Jesus den Karikaturisten Gerhard Haderer verstoßen?
Der Karikaturist und sein Verlag sind heute Gegenstand von Anfeindungen, die über das normale Maß hinausgehen. Im Namen des Glaubens wird gedroht.
Der den ersten _ symbolischen U Stein geworfen hat, war kein Geringerer als der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn. Die Bischofskonferenz ist ihrem Vorsitzenden in der Verurteilung Haderers gefolgt. Die Folgen zeigen, was unter dem weiten Mantel der Kirche noch alles schlummert: unter anderem Hass, Hass, Hass.
Wäre der erste Steinwurf unterblieben, hätte sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz mehr an Jesu Worten vom Verzeihen orientiert als an der kirchlichen Tugend des Rechthabens, dann wäre die Ermutigung unterblieben, die sich nun in Form von Beschimpfungen über alles ergießt, was nur den Anschein von Kirchen- oder Religionskritik erweckt.
Aufrechnen hilft hier wie auch sonstwo nicht weiter. Es geht nicht darum, der Kirche begangene Fehler vorzuhalten, die im Namen der Religionsverbreitung verübt worden sind. Es geht nicht darum, dem Karikaturisten millimetergenau vorzurechnen, wo er religiöse Gefühle verletzt hat. Dass er verletzt hat, steht fest, wie die Reaktionen zeigen, wie ebenso feststeht, was die katholische Kirche in zweitausendjähriger Geschichte alles verletzt hat.

Lassen wir einmal beiseite, dass es sich bei Kardinal Schönborn um den obersten Repräsentanten der katholischen Kirche in Österreich handelt. Fragen wir den Christen und Staatsbürger Schönborn, der sich um das _Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaftq sorgt, wie auf der Pressekonferenz der Bischofstagung geäußert: Wie halten Sie es mit der Toleranz? Ist sie nicht auch eine Tugend, die das Zusammenleben fördert, weil durch sie x so der Wunsch der Bischöfe 4 1die tiefsten Überzeugungen großer Gruppen von Bürgern respektvoll behandeltj werden?
Was bewirkt Toleranz? Hass etwa? Nein, Hass, wie er sich jetzt gegen einen Karikaturisten äußert, kommt von anderswo.

Und so kommen wir doch noch einmal zurück zur Kirchenfunktion des Christen und Staatsbürgers Schönborn. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz hat nicht Beispiel gegeben für Verzeihen, für Nachsicht mit einem Sünder, als den er Haderer sehen mag. Nein, er hat gefordert. Nicht von seinen Schafen, denen er als Hirte beistehen soll, den richtigen Weg zu finden. Er hat nicht zur Besonnenheit aufgerufen, sondern Entschuldigung vom Sünder gefordert. Das mag tiefe Genugtuung und Befriedigung bei Leuten hervorrufen, die voller Selbstgerechtigkeit durchs Leben gehen. Die aber vor lauter Selbstgerechtigkeit die Worte Jesu nicht mehr verstehen. Denen Haderer mehr sagt als Jesus.

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