ÖGJ fordert Lehrstellen statt heißer Luft

Aktion für mehr Lehrstellen mit 6.420 Luftballons am Ballhausplatz

Wien (ÖGJ). Dass es in Österreich ein Lehrstellenproblem gibt, ist keine neue Erkenntnis. Seit dem Amtsantritt der Regierung bläst den Jugendlichen in Österreich jedoch ein um einiges kälterer Wind entgegen. Um die Problematik zu veranschaulichen, hat die Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ), heute, Dienstag, 6.420 Luftballons für 6.420 fehlende Lehrstellen am Wiener Ballhausplatz zerplatzen lassen. "So wie die Luftballons zerplatzen, zerplatzen auch die Träume der Jugendlichen auf einen Lehrplatz. Der Sauerstoff, der entweicht, soll der Regierung zum Umdenken verhelfen", erklärte Albert Maringer, Bundesvorsitzender der ÖGJ.++++

Die Situation ist ernst: "Nach den veröffentlichten Zahlen des AMS waren per 28. Februar dieses Jahres 3.420 Jugendliche als lehrstellensuchend gemeldet. Demgegenüber standen 2.732 offene Lehrstellen! Kein großartiges Problem! Wagt man jedoch einen etwas genaueren Blick, ändert sich die Situation dramatisch. Denn in die Zahl der Lehrstellensuchenden noch nicht eingerechnet sind 1.977 jugendliche ArbeitslosengeldbezieherInnen, 1.616 Jugendliche in kurzfristigen Kursen und Schulungen (z. B. Job-Coaching, Berufsorientierung, Arbeitserprobung) und 2.139 Jugendliche, die sich in Auffangnetzen befinden. Auch all diese Jugendliche sind weiter auf der Suche nach einer Lehrstelle. Zusammengefasst bedeutet dies 9.152 Lehrstellensuchende gegenüber 2.732 offenen Lehrstellen", stellt Maringer klar.

Zusätzlich dazu, dass zu wenig finanzielle Mittel für ein ausreichendes Auffangnetz zur Verfügung gestellt werden, nimmt auch die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmer stetig ab. "Waren es 1991 noch 141.099 Lehrlinge in Österreich, so ist die Zahl im Jahr 2001 bereits auf 122.167 gesunken. Das bedeutet einen Rückgang um 18.932 Lehrlinge oder 13,42 Prozent", so der Bundesvorsitzende weiter. "Von vielen Unternehmern werden laufend Rufe nach mehr Förderungen laut. Dass dies jedoch nicht mehr Lehrstellen bringt, wird klar deutlich, wenn man sich die geltenden finanziellen Entlastungen genauer ansieht", so Maringer. Allein im Jahr 2001 wurden den Unternehmern finanzielle Entlastungen von mehr als 94 Millionen Euro (knapp 1,3 Mrd. Schilling) zugestanden. Die Anzahl der angebotenen Lehrstellen ging trotzdem zurück.

Maringer: "Die Regierung betreibt eine Politik ausschließlich für Unternehmer und gegen die Jugend." So können Unternehmer nun zum Großteil selbst bestimmen, wen sie als günstigen Vorlehrling einstellen, die Probezeit wurde verlängert, die Behaltefrist verkürzt, das Auffangnetz wurde durchlöchert und Lehrgänge als halbherziger Ersatz eingeführt. "Damit muss nun endlich Schluss sein. Es geht um die Chancen der Jugendlichen und schließlich auch um die Qualität des Wirtschaftsstandortes. Es ist zwar erfreulich, wenn sich einige Minister laufend über die hohe Qualität der Fachkräfte in Österreich freuen, wie erst vor kurzem Minister Bartenstein bei der Bekanntgabe der Ansiedlung des Pharmakonzerns Baxter in Krems. Diese Fachkräfte müssen aber auch weiter ausgebildet werden."

Die ÖGJ fordert:
Die Finanzierung der Lehrlingsausbildung durch alle Betriebe. Betriebe, die Lehrlinge ausbilden, sollen davon profitieren. Dadurch werden mehr Lehrplätze geschaffen und gute Ausbildung belohnt.

Alternative Ausbildungsmöglichkeiten. Wenn die Unternehmer nicht ausreichend Ausbildungsplätze anbieten, dann brauchen wir wieder ein Auffangnetz: Ausbildung in Stiftungen, alternative Ausbildung für lehrstellensuchende Jugendliche müssen im Jugendausbildungssicherungsgesetz (JASG 1. Fassung) aufrecht bleiben.

Zukunftsorientierte Lehrberufe. Durch gut geschulte Ausbilder, durch begleitende Kurse und durch moderne Gruppenlehrberufe soll die Ausbildung wieder Zukunft haben. Notwendig sind Gruppenlehrberufe wie Elektroanlagentechnik oder Fertigungstechnik. Der Hintergedanke: Wenn ein Lehrling seine Ausbildung beendet hat, soll er durch Zusatzprüfungen auch einen Abschluss in verwandten Berufen machen können. Bei den ElektroanlagentechnikerInnen wären das die Berufe Elektro-EnergietechnikerIn, Elektro-BetriebstechnikerIn und Elektro-InstallationstechnikerIn. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigen beträchtlich.

Ausbildung für die Ausbildner. Wer Jugendliche ausbildet, soll verpflichtet sein, sich aus- und weiterzubilden.

Ausbildungsqualität in allen Betrieben. Die Lehrbetriebe sollen von den Behörden regelmäßig überprüft werden. Bei Einsatz von Lehrlingen als Hilfsarbeitskräfte und bei verbotenen Überstundenleistungen sind die Betriebe zur Verantwortung zu ziehen.

Verkürzung der Probezeit auf ein Monat, Verlängerung der Behaltezeit auf sechs Monate. Die Entrechtung von Lehrlingen muss rückgängig gemacht werden. Die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen muss eingedämmt werden. Daher ist ein Monat Probezeit genug. Und nach dem Lehrabschluss soll der Betrieb den Jugendlichen zumindest sechs Monate behalten müssen, um diesem mehr Praxiswissen zu vermitteln.

Bezahlung der Internatskosten durch die Lehrbetriebe. Die Ausbildung in der Berufsschule liegt im Interesse des Betriebes. Die Internatskosten für den Besuch einer Berufsschule mit angeschlossenem Internat sollen daher neben der Lehrlingsentschädigung von den Lehrbetrieben in allen Branchen bezahlt werden.

"Dieses Programm bringt mehr Lehrstellen - vor allem Lehrstellen mit Zukunft. Es geht um die Zukunft der Jugendlichen - und schließlich um die Qualität des Wirtschaftsstandorts Österreich, der von der Qualität der Facharbeit, von den gut ausgebildeten Arbeitskräften, lebt" so Maringer abschließend. (aw)

ÖGB, 26. März 2002
Nr. 258

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