"Presse"-Kommentar: Hollywood bleibt geschlossen (von Stefan Grissemann)

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"Presse"-Kommentar: Hollywood bleibt geschlossen (von Stefan Grissemann)

Ausgabe vom 25. März 2002

Wien (OTS). Vor wenigen Wochen erst, so hört man, haben die amerikanischen
Truppen im fernen Afghanistan eine Eilpostsendung erhalten. Das Paket enthielt, sozusagen, Nachrichten von daheim: fünf US-Unterhaltungsfilme, aber nicht irgendwelche, sondern Filme, denen noch vor der ersten Besichtigung die Aura des Bedeutenden anhaftete, fünf Kinoarbeiten, die eine besondere Eigenschaft vereint -nominiert für den Oscar 2002 in der Kategorie "Bester Film".
Diese Art der populärkulturellen Zuwendung in militärischen Zusammenhängen hat natürlich Tradition: Einst erfreute die große Marlene die Boys an der Front, um ein wenig zu singen für sie und ermunternde Ansprachen zu halten, heute kommt, im Dienste des Patriotismus, zuweilen ein Stimmungsmacher wie George Clooney - oder eben auch: die Post.
Seit sechs Jahrzehnten jedenfalls gilt: Kein Krieg, auf den
Amerika
sich einläßt, kommt ohne Hollywood aus. Das Kino ist vielseitig einsetzbar, es stützt die Moral, es erheitert und zerstreut in schweren Zeiten, und weil das fast jeder nötig hat, nicht nur Amerikas Soldaten, erweist es sich weltweit als umso besser verkäuflich, je katastrophaler der politische Allgemeinzustand dieses Planeten ist.
Gute 250 Millionen Menschen in aller Welt (nicht allerdings die -von der amerikanischen Filmindustrie selbst - gern kolportierte Milliarde) verfolgen Jahr für Jahr, mehrheitlich begeistert, die Oscar-Gala vor ihren Fernsehgeräten, obwohl (oder weil) dort so gar nichts von Bedeutung zu geschehen scheint. Mag sein, daß die globale Konzentration auf ein Ereignis wie dieses schon an sich so etwas wie Bedeutung produziert, aber die Relevanz der jährlichen Academy-Award-Vergabe beschränkt sich, wenigstens auf den ersten Blick, im wesentlichen auf die Frage nach der Live-Tauglichkeit von Filmstars und den Stilkrieg der Modedesigner.
In den Wochen nach den Anschlägen vom 11. September wurde daher
die
Möglichkeit ernstlich ins Auge gefaßt, die Oscar-Show 2002 aus Sicherheitsgründen, als potentielles Ziel weiterer terroristischer Attentate abzusagen, ersatzlos zu streichen.
Nun hat sie doch stattgefunden, und in Wirklichkeit hat ohnehin niemand je geglaubt, daß Hollywood sich gegen ausgerechnet sein größtes Selbstbestätigungs-Ereignis entscheiden könnte: Wo soviel Geld, Arbeitsplätze, Ansehen und - nicht zuletzt - nationaler Stolz auf dem Spiel stehen, ist an eine Absage, allem Risiko zum Trotz, nicht einmal zu denken.
Als Hochsicherheitstheater hat man, notgedrungen, die Rahmenbedingungen der diesjährigen Show inszeniert. Das Spiel hat sich, ganz offenbar, wenn auch nicht für alle offenbar ersichtlich, in tödlichen Ernst verwandelt: Die 74. Oscar-Verleihung wurde zur größten Security-Operation, die in Hollywood je stattgefunden hat. Das Gebiet um das verkitschte, eben erst fertiggestellte Kodak Theatre, Oscars neue Heimstatt am heruntergekommenen Hollywood Boulevard, wurde im Vorfeld schon hermetisch abgeriegelt, die nahen Jugendherbergen und billigen Hotels wurden evakuiert und, ein Bild wie aus dem Krieg, mit bewaffneten Sicherheitsbeamten besetzt. Wer dieser Tage nichtsahnend durch Hollywood flanierte, stieß auf improvisierte neue Straßenschilder, die ungeahnte, ungeheuerliche Botschaften vermittelten: "Hollywood Closed" hieß es da, ganz lapidar.
Die Traumfabrik, könnte das heißen, bleibt bis auf weiteres geschlossen, zumindest bleibt sie eines: eine geschlossene Gesellschaft, die nur noch via Eilpostsendung (oder eben via Fernsehzuspielung) mit der Außenwelt kommunizieren mag.

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