"Neue Kärntner Tageszeitung" Kommentar: Globales Spiel ums Mitleid

Ausgabe vom 23.03.2002

Der Vorschlag Finnlands, dem Elend auf dieser Welt mit einem globalisierten Glücksspiel zu Leibe zu rücken, ist tatsächlich ernst gemeint. Das ist der Skandal, dass ein solcher Vorschlag bei der UNO-Entwicklungskonferenz überhaupt den Weg bis ans Mikrophon findet. Eine internationalisierte Todelsteuer mag zwar für weltweite Belustigung und skandalöse Einzelgewinne sorgen, am strukturell Bösen ändert sie gar nichts. Ja das Glücksspiel selbst ist immer Bestandteil einer Mangelstruktur.

Die Armutsbekämpfung in die Abhängigkeit der Spiellust und
-sucht von Glücksspielern zu übertragen, die sich dann auch noch brüsten dürfen, ohnehin nur etwas Gutes zu tun, ist Selbstaufgabe der Politik. Jede Lotterie ist der manifestierte Zweifel daran, dass Politik je etwas zum Besseren ändern könnte. Politik, die Glücksspiel fördert, ist keine.

Es war wohl die schrillste Wortmeldung bei der UNO-Entwicklungskonferenz. Schriller noch als die von Präsident Bush. Er erblickt immerhin schon darin ein "Werk des Mitleids", dass er zuerst auf Reformen bei jenen besteht, die hungern. Ob dann auf das Werk des Mitleids auch Finanzhilfe folgt, obliegt der politischen Beurteilung. Doch überhaupt von "Mitleid" zu reden, angesichts der Schuld und Verantwortung der Industrienationen für eine Milliarde Menschen in Armut, ist geschmacklos. Globale Lotterie und Bush-Mitleid sind aber von durchaus ähnlicher Qualität. Beide ändern nichts an der Ungerechtigkeit. Sie wollen auch nichts ändern. Denn wer die Armut nicht will, muss zuerst sich ändern.

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