WirtschaftsBlatt-Kommentar Die Heuchelei tritt nie in Ruhestand von Engelbert Washietl

Wien (OTS)- Die landesweite Empörung über eine einzige Expertenmeinung bezüglich des Pensionsalters der Frauen ist so unnötig wie die kollektive Heuchelei der aufgeschreckten Politiker. Wenn Regierung und Opposition hundertprozentig der Meinung sind, dass der Pensionseintritt der Frauen auf keinen Fall in stärkerem Tempo dem der Männer angepasst werden dürfe, dann sind drei Dinge klar: Die Nationalratswahlen sind nicht mehr weit, Denken und Diskutieren gilt bis dahin als politisch inkorrekt und nach der Wahl kommt sowieso alles anders, als versprochen. Genau so lief es mit der schriftlichen Garantieerklärung des einstigen Bundeskanzlers Franz Vranitzky ab, dass am Pensionssystem nicht gerüttelt werde.

Argumentieren lässt sich immer, auch zu Gunsten eines herabgesetzten Pensionsalters für Frauen: Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt, Minderbezahlung und geringere Chancen, im höheren Alter beschäftigt zu werden. Aber jedes einzelne Argument und alle zusammen reichen nicht aus, um die vom Verfassungsgerichtshof ausdrücklich geforderte Gleichstellung der Geschlechter auch im Pensionsrecht zu blockieren. Sie ist auch längst beschlossen und soll in einer fast unendlichen Anpassungsperiode vom Jahr 2019 bis 2033 verwirklicht werden. Unbestritten ist auch, dass die in unserem Gesellschaftssystem einzige ausserordentliche und geschlechtsspezifische Leistung der Frau, nämlich Schwangerschaft/Geburt und Doppelbelastung durch Familie und Beruf, abgegolten werden muss. Das kann durch einen früheren Pensionseintritt geschehen (falls ihn alle Frauen wollen, was nicht der Fall ist). Genauso gut können andere Formen eines gerechten Ausgleichs gewählt werden.

Vor allem aber: Warum sollte eine kinderlose Frau, die vier Jahrzehnte einen Beruf ausübt, durch hohe staatliche Geldleistungen gegenüber Männern bevorzugt werden? Es kann doch die erwünschte Emanzipation der Frau nicht darin bestehen, dass dieselbe zwar höchsten Wert auf geschlechtsneutrale Abfassung von Stelleninseraten legt, aber dann doch erwartet, dass Gentlemen ihr zum 55. Geburtstag höflich die Tür zum Vortritt in den Ruhestand aufhalten. In der ganzen EU lassen sich übrigens nur Österreicherinnen und Griechinnen durch das Pensionssystem bevorzugen. Allein das müsste allen ZeitgenossInnen zu denken geben, denen Gleichstellung am Herzen liegt. (Schluss) was

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