"Die Presse" - Kommentar: "Viel Lärm um nichts" von Burkhard Bischof

Ausgabe vom 13.3.2002

WIEN (OTS): Alles, was die USA derzeit denken, planen, tun oder auch unterlassen, kann gegen sie verwendet werden. Und es geschieht auch ausgiebig - zumal in jenen linken und rechten Intellektuellenkreisen Europas, wo der Antiamerikanismus gerade wieder Hochsaison hat. Für sie kam da ein am Wochenende in der "Los Angeles Times" veröffentlichter "Geheimbericht" über Atomkriegsplanungen der USA gleichsam wie ein Geschenk des Himmels:
Denn jetzt kann man der verhassten, kriegslüsternen Bush-Regierung in
Washington auch noch unterstellen, sie flirte leichtfertig mit dem "nuklearen Holocaust".
Kein Wunder, dass auch österreichische Massenmedien in den weltweiten
"Hysteriker"-Chor einstimmten - allen voran die "Kronenzeitung", wenn auch mit dreitägiger Verspätung. Von "unheimlichen Entwicklungen in Amerika" war da die Rede, von "neuartigen Mini-Atomwaffen", die das Pentagon gegen Terroristen einsetzen wolle. Und ein etwas unbedarfter ZiB-2-Moderator, der offenbar die Berichterstattung im eigenen Haus vom Wochenende über die US-Atomkriegsplanungen verschlafen hatte, sprach dann aufgeregt den ORF-Korrespondenten in New York auf diese "Krone"-Enthüllungen an.
Aber wen interessieren schon Fakten, wenn es gegen die "bösen Amis" geht? Solche Fakten sind zum Beispiel: An der Entwicklung taktischer "Mini"-Atomwaffen wird in den USA und anderswo schon seit Jahrzehnten gearbeitet. Amerikaner, Russen, Chinesen und andere offene und heimliche Atommächte haben auch nach dem Ende des Kalten Krieges niemals aufgehört, Planungen für den Einsatz von Kernwaffen im Kriegsfall vorzunehmen. So heißt es etwa im derzeit gültigen nationalen Sicherheitskonzept Russlands: "Im Falle einer bewaffneten Aggression, wenn alle anderen Mittel der Lösung eines Konfliktes ausgeschöpft oder nicht wirksam sind, könnte der Einsatz von Atomwaffen notwendig und gerechtfertigt sein." Wer von denen, die US-Präsident George Bush jetzt Atomkriegs-Geilheit unterstellen, hat damals, Anfang 2000, als dieses Moskauer Sicherheitskonzept bekannt wurde, eigentlich gegen den Nuklear-Bellizisten Putin protestiert? Atomwaffen sind in erster Linie Abschreckungswaffen. Während des gesamten Kalten Krieges, als sich Amerikaner und Sowjets zeitweise mit wenigstens 40.000 Kernsprengköpfen gegenüberstanden, hat dieses Abschreckungskonzept funktioniert. Und auch hinter der jetzigen "Nuclear Posture Review" - so nämlich heißt das Pentagon-Papier, das für die jetzige Aufregung sorgt - ist der Kerngedanke die Abschreckung:
Russland und China, die auf der Liste der möglichen Zielstaaten von US-Atomwaffen stehen, wissen das natürlich genau; Irak, Iran, Libyen, Syrien, Nordkorea, die an Massenvernichtungswaffen und Trägersystemen basteln, wird durch die "Enthüllung" der "Los Angeles Times" erneut signalisiert, was sie im Falle einer Hasard-Politik mit ABC-Waffen von US-Seite zu gewärtigen haben: ihre potentielle Vernichtung.
Bleibt als wirklich kontroverser, bedenklicher Punkt der neuen "Nuclear Posture Review" die von manchen Sicherheitsexperten aufgeworfene Frage, ob durch die Entwicklung kleiner Atomwaffen, die etwa speziell zum "Knacken" unterirdischer Bunker eingesetzt werden könnten, nicht die "Schwelle" für einen Kernwaffen-Einsatz gefährlich nach unten gesenkt würde. Nur: Da aber meinen manche Wissenschafter, dass "bunkerbrechende" Kernwaffen technisch vielleicht gar nie konstruiert werden können.
Bleibt also wieder einmal: Viel Lärm um nichts! Freilich, wenn der jetzige Lärm solchen Staaten, die begierig nach Massenvernichtungswaffen streben, einen gehörigen Schrecken eingejagt haben sollte, dann hat der Lärm wenigstens etwas genützt. ENDE

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